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Sonntag, 6. September 2026

Stumm

 Hi Jesse, 

ich bin stumm geworden in den letzten Jahren. Ich weiß nicht, ob meine Stille meinen Reifeprozess widerspiegelt, nicht mehr alles aussprechen zu müssen und meine Worte nur dann fließen zu lassen, wenn es  meiner Meinung nach Sinn macht,  ober ob mein nach Innen gekehrt sein eher einem Erstarren gleichkommt. Vielleicht ist es auch ein Mix aus beidem. Das Gedanke des Erstarrens macht mir einerseits Angst - und berührt mich andererseits nicht, was wiederum das Ganze noch bedenklicher macht. 

Immer häufiger frage ich mich, wofür ich das alles durchlebe. Wo führt es hin? Wo ist der Sinn? Was übersehe ich? Bin ich Wut? Oder bin ich Dankbarkeit? Nur eines weiß ich gewiss: Ich bin müde. Nach außen zeige ich keine Auffälligkeiten, bin im Alltag verankert und lebe ein Leben, als ob es deinen Tod nie gegeben hätte. Fuck. Du warst real und bist nun nur noch Gefühl und Gedanke. Nichts Stoffliches. Bis heute Mittag habe ich eine Serie durchgesüchtelt, was ich in diesem Ausmaß nicht von mir kenne. Sieben Staffeln in drei Wochen. Die zentrale Frage: Wie sehr sind wir bereit, unsere "Menschlichkeit" aufzugeben, um unser Überleben zu sichern und irgendwann wieder menschlich sein zu dürfen. Wie entscheiden wir uns in Situationen, in denen es pervers ist, eine Entscheidung treffen zu müssen. Was sind wir bereit zu opfern? Entweder für das große Ganze und für den einen Menschen, den man so sehr liebt, dass es wehtut. Die Serie hat mich fasziniert, weil es auch darum ging, ob es einen höheren, vom Körper losgelösten Bewusstseinszustand geben kann. Und falls ja: ist das erstrebenswert? Handelt es sich hierbei um etwas Himmlisches, oder bleiben wir lieber in unserer körperlichen Hülle voller Empfindungen? 

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