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Montag, 11. Juni 2018

Zweimal lebenslänglich

Jesse, ich bin so stolz auf Luke und Ada. Trotz der herben Verluste schlagen sich die beiden hervorragend und versuchen, sich mit ihrem neuen Leben, ihren neuen Rollen anzufreunden. Luke ist nun der Älteste, Ada ist nun die Jüngste. Ich muss nicht erst die Fotos betrachten um zu wissen, welch' große Lücke du nicht nur in mein Leben gerissen hast, sondern welch' große Lücke du auch im Leben der beiden hinterlässt. Du hast deinen jüngeren Geschwistern Sicherheit gegeben, hast sie getröstet, hast sie herausgefordert, hast dich schützend zwischen Luke und die Zwillinge gestellt, hast ihr Herz durch innige Umarmungen und kleine versteckte liebevolle Knuffe wachsen lassen, hast deinem Bruder das Streiten und Argumentieren gelehrt (und ihn manchmal zur Weißglut gebracht), sie unterstützt und beschützt, hast sie, wenn du gnädig gestimmt warst, an deiner Welt, an deinen Aktivitäten teilhaben lassen und ihnen einen kleinen Einblick auf die Welt der noch bevorstehenden Möglichkeiten gegeben, hast sie inspiriert und angespornt, warst ihnen (nicht immer und in jeder Hinsicht, aber dennoch oft genug) ein Vorbild, warst Verbündeter und Vertrauter, Ratgeber und Kritiker. Du hast sie oftmals durch deine lustigen Ideen zum Lachen gebracht, sie veräppelt und mit ihnen gescherzt und Luke Ironie gelehrt. Du hast sie inspiriert und ihnen das Gefühl gegeben, wertvoll und einzigartig zu sein. Du hast Zuversicht vermittelt, warst für sie Vorkoster des Lebens und ein wichtiger Türöffner. Du warst so viel für sie... Wie soll ich diese Lücke jemals schließen??? Ich kann es einfach nicht... Niemand kann es. Du warst einfach du!






Und wie liebevoll du dich um Vianne gekümmert hast, wie oft du ihr ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hast oder ein befreiendes Lachen entlocken konntest....

Ein sehr tiefgründiges junges Mädchen, dessen kleiner Bruder letztes Jahr gestorben ist, hat folgende Zeilen kurz nach seinem Tod verfasst: "...Wenn dein Bruder stirbt bekommst du lebenslänglich, ohne jemals etwas verbrochen zu haben, ohne Aussicht auf Begnadigung, ohne Freigang, ohne Hafterleichterung. Lebenslänglich trauern, lebenslänglich unstillbare Sehnsucht, lebenslänglich ein Meer von Tränen, lebenslänglich quälende Fragen nach dem Warum, lebenslänglich unter Unverständnis der Mitmenschen leiden, der Zukunft beraubt. Irgendwann richtest du dich ein in deinem Gefängnis, manchmal fühlst du dich sogar wohl, kannst lachen, dich freuen. Du denkst, du hast dich befreit, doch dann ist da ein Lied, ein Duft, ein Wort, ein Mensch auf der Straße, der deinem Bruder sehr ähnlich sieht und es wird dir wieder klar: Du hast lebenslänglich, ohne jemals etwas verbrochen zu haben."
Luke und Ada haben lebenslänglich bekommen. Zweimal lebenslänglich. Ich glaube nicht, dass einige Menschen, die mit deinen beiden wunderbar starken, tapferen, tiefgründigen Geschwistern zu tun haben, diese Tragweite, dieses Ausmaß wirklich verstanden haben. Und es tut gut zu erleben, dass sich andere wiederum unglaublich feinfühlig in unsere spezielle Familiensituation hineinfühlen können. Einen solchen Menschen durfte ich bei Lukes letztem Elternsprechtag kennenlernen. Sie sprach ihren Respekt gegenüber Luke und unserer Familie aus, trotz der Tatsache, dass Luke bei ihr im Unterricht etwas schwächelt. Eine Lehrerin, die einfach einmal anerkennd zur Sprache gebracht hat, wie gut Luke seinen Weg, trotz gewisser schulischer Schwierigkeiten, bisher gegangen ist... was für ein freundlicher und fröhlich-zufrieden wirkender Mensch er trotz der schlimmen Geschehnisse geblieben sei. Ich war so dankbar für ihre Worte. Diese Lehrerin hatte dich damals ebenfalls in der 8. Klasse in demselben Fach unterrichtet und erzählte mir unter Tränen, wie sehr sie sich konzentrieren müsse, Luke nicht mit deinem Namen anzusprechen. Sie war dabei so menschlich-feinfühlig, ohne ihre eigene Betroffenheit  verbergen zu wollen und zu können, so ehrlich und unverfälscht, dass uns schließlich beiden Tränen des Schmerzes und der Ergriffenheit in die Augen traten. Und doch tat dieses Zusammentreffen gut. Es tat gut zu hören, dass da Lehrer sind, die Luke nicht nur isoliert betrachten, sondern als Ganzes, eingewoben in seine Vergangenheit. 
Doch nicht jeder scheint dazu in der Lage zu sein, denn andere Gespräche an diesem Tag waren eher nüchtern und eindimensional verlaufen und es wurde mir wieder einmal bewusst, wie sehr Schüler auf die reine Schulleistung reduziert betrachtet werden. Es geht mir nicht darum, die Tatsache zu entschuldigen oder beiseite zu wischen, dass die ein oder andere Schulnote nicht so prickelnd ist (andere sind es hingegen). Das muss angesprochen und besprochen werden. Aber es geht mir darum, dass auch der Kern des Menschen betrachtet und die Persönlichkeit des Kindes/ des Jugendlichen in solch einem Gespräch gewürdigt wird. Wie kann man Lukes und Adas unglaubliche Stärke, ihren ungebrochenen Mut, ihre Entschlossenheit, das Leben weiter anzunehmen, ihr wahnsinniges Durchhaltevermögen, die Fähigkeit, sich aus verzweifelten Situationen wieder emporzuarbeiten, diese nach wie vor vorhandene Liebe zum Leben und das Vertrauen in sich selbst (trotz manchmal aufkommender Zweifel) und in sein Umfeld, ihre Reife und Besonnenheit, ihr Begeisterungsfähigkeit, ihre Hilfsbereitschaft nicht sehen und anerkennen? Immer in dem Wissen, dass Ada und Luke zweimal lebenslänglich bekommen haben.... und sich trotz aller Widrigkeiten weiterhin mutig und liebevoll dem Leben entgegenlehnen.
Jesse, du wärest so stolz auf die beiden...Ich bin es!

Samstag, 14. April 2018

Fly high together!

Das wäre ein Ski- und Boarderurlaub nach deinem Geschmack gewesen, mein Großer! Tiefschnee im April, genug Schneehügel am Pistenrand für waghalsige Sprünge, hin und wieder pulvriger Neuschnee, manchmal leere Pisten (Nebel hat auch so seine Vorteile) und wirklich gut angelegte Boarderparcs.

 


Ausgiebige Sonnenbäder im Liegestuhl mit einem leckeren Heiß- oder Kaltgetränk in der Hand, 
 
am liebsten auf unserer "Homebase" (unsere Lieblingshütte und Haupttreffpunkt), 
 



wilde Massen-Schneeballschlachten auf 2000 Meter Höhe (wobei es ein paar Kollateralschäden gab), weiße Puderzuckerberge unter tiefblauem Himmel - so weit das Auge reicht.


 
Die niveaulos-lustige Après-Schirmbar, unser Wohlfühlhotel direkt an der Talstation (einfach halbschlafend aus dem Skikeller rausfallen und ab in die erste Gondel). Und dann erst das ganze leckere Essen: morgens ein reichhaltiges Frühstücksbuffett, mittags hin und wieder kleine Leckereien auf den Hütten (Ada hat `mal wieder in Rekordschnelle den ganzen! Germknödel, ertränkt in gefühlten 2 Liter Vanillesauce, verputzt und Luke hat lediglich einen einzigen Happen von seinem saftig-triefenden Hütten-Burger abgegeben ... Hm, du hättest wahrscheinlich das wirklich gute Wiener Schnitzel, ausreichend für vier, gewählt). Ganz zu Schweigen von dem abendlichen 5-Gänge-Buffet.
Aber das Wichtigste: Einige deiner und unserer engsten Freunde waren mit dabei und ganz viele uns nahestehende, liebenswert-lustige Menschen. Was für eine großartige Gruppe - ohne Ausnahme! Einige davon konntest du gar nicht mehr kennenlernen und sie dich nicht, aber mein Gefühl sagt mir, dass du dich großartig mit ihnen verstanden hättest. Wie gut du in die Boardertruppe gepasst hättest. 
 
Nein! Neeeeiiin! Nicht weiter darüber nachdenken, sonst tut es gleich wieder verdammt weh. Schnell noch ein paar witzige Infos für dich eingestreut: Wir haben eine "Gegenparty" auf Tim und Irenes Dachterrasse gefeiert und der gegenüberliegenden Schirmbar vom Stimmungsfaktor her massig Konkurrenz gemacht.
Wir durften auch neue, interessante Menschen kennenlernen: Stefan, einen Boarder aus Salzburg, Hüttenwirt "Hansi", 
ein Ehepaar aus Wien, dass sich mit Ende 70 noch die Bretterl untergeschnallt hat, Melanie und Markus, die beiden Kellner auf unserer Homebase, die sich an unserem letzten Skitag noch ein edles Schlückchen mit uns genehmigt haben (ich glaube, das war aus dem Geheimvorrat für besondere Gäste).
Jesse! Hast du Luke boarden gesehen?? Der Hammer!




Und Ada: sie stand zum ersten Mal auf ihrem kleinen Snowboard und hat schon am 2. Tag die Kurve gekriegt (im wahrsten Sinne des Wortes). Du hättest sie grinsend in den Arm genommen und sie voller Stolz fröhlich durch die Luft gewirbelt. 
 
Luke übernimmt nun deinen Part: einen Nachmittag, als wir mit Ada geübt hatten, kam er zu uns hinüber gefahren und hat seiner kleinen Schwester wertvolle und hilfreiche Technik-Tipps gegeben. Er war so liebevoll und fürsorglich ihr gegenüber, hat sie gelobt und motiviert. Wie sehr hat er mich in diesem Moment an dich erinnert - ganz der große Bruder. Er akzeptiert diese Rolle als "Großer" zunehmend leichter und ich ertappe mich dabei, wie ich manchmal "Hey Großer" zu ihm sage, obwohl doch du immer "der Große" (sprich: Älteste) warst.
 
Auch wenn du nicht körperlich anwesend sein kannst, bist du immer dabei ... in jedem von uns. In mir, in Luke, Ada und Micha... in Noah, Luca und Astrid, in Tim und Irene, in Kai, Tim und Johanna und vielen, vielen anderen warmherzigen Menschen, die diesen Skiurlaub mit uns verbracht haben. 
 
Als erstes haben wir die beiden Schlösser von dir und Vianne, die Astrid und Tim in rund 2000 Meter Höhe für dich und Vianne vor zwei Jahren angebracht haben, besucht. Danach sind wir zu euch geflogen...
Ich bin so dankbar, so ergriffen darüber, wie ungezwungen, feinfühlig und natürlich unsere Freunde mit uns und unserer schwierigen Situation umgehen. Eben diese Menschen stärken und stabilisieren uns, die, die wir hin und wieder immer noch wanken. 
Weißt du, was sie für Luke und somit auch für unsere Familie getan haben - in ganz starker Anlehnung an dich, weil sie so sehr in deinem Sinne gehandelt haben: auf Noah und Janis Idee hin haben sie ihr Geld zusammengeworfen und Luke mit einem eigenen, super-coolem Snowboard im Skiurlaub überrascht. Sein Altes war ihm zu klein geworden - das hatten sie, aufmerksam wie sie sind, mitgekriegt. Wir hatten im Vorfeld des Skiurlaubs aus Zeitmangel kein adäquates Brett für ihn finden können, deshalb wollten wir für diesen Urlaub ein Board aus dem Verleih holen und zum Saisonende abkaufen, falls es sich anbietet. Dazu kam es nicht mehr: Am Ankuftstag - wir hatten den ersten Tag bereits auf der Piste verbracht, der Rest der Gruppe trudelte nach und nach in Zauchensee ein - lockten sie uns in die Schirmbar und überreichten Luke mit einer kleinen persönlichen Ansprache sein neues Board. Er wusste gar nicht, wie ihm geschah. Ungläubig starrte er erst uns und dann den Rest der Gruppe an. Du hättest seine strahlenden Augen sehen müssen. Immer wieder fragte er uns: "Warum??" Ich glaube, ich habe genauso ungläubig dreingeschaut - bis mir vor lauter überbordender, freudig blubbernder Ergriffenheit und einem wohlig-warmen Herzschmerz dicke Tränen aus den Augen tropften.




Er musste es sofort testen. Das Board passt perfekt zu Luke. Er ist damit nicht aufzuhalten. Fly high together. 
Du bist so präsent, Jesse, - bei uns allen - obwohl mich manchmal die Angst überfällt, dass du in Vergessenheit geraten könntest. Und plötzlich kehrt sich diese Gedankenschwere in Hoffnung um:  Kurz vor unserem Skiurlaub erreichte mich eine WhatsApp von Noah. Er fragte an, ob es für mich ok sei, eine Abfahrt in Gedanken an dich mit deinem Board zu machen, denn du wolltest ihm nie glauben, dass er snowboarden kann (und wie er es kann, mein Großer). Noah! Ich muss das hier erwähnen, weil ich einfach unglaublich ergriffen von deiner Anfrage war. Du bist für Jesse, du bist mit Jesse gefahren. Danke dafür! Ebenso Kai. Ihr habt euch beide mit seinem Board abgewechselt. Kai! Was für coole Sprünge du hinbekommst. Von Herzen "Danke" an euch zwei. Was für treue, tiefgründige Freunde ihr doch seid. Ihr werdet immer einen Platz in unserem Herzen haben. Danke!
 

 

Kurz vor unserer Reise hatte ich solch eine Angst, dass du, Jesse,  ganz verschwindest. Teilweise fingest du an, im Alltag blasser zu werden .Du verblasstest in diesem Alltagsgewusel und es tat mir so weh. Ich weiß, dass ich dich ein Stück weit loslassen muss, um dieses Leben mit Ada, Luke und Micha wirklich weiterleben zu können. Es ist richtig und wichtig, sich an diese neue Realität anzupassen und zeitgleich tut es so weh. Aber es sichert unser Überleben, denn nach wie vor würden wir durchdrehen, würde das Vermissen nach dir Tag für Tag im Vordergrund stehen. Wir müssen irgendwie weitermachen. Diese Verantwortung haben wir nicht nur uns selbst gegenüber, sondern auch Luke und Ada gegenüber. Und sie leiden so sehr unter deinem Verlust, glaube mir. Ich vermisse dich so sehr, dass es mich noch immer zerreißt, wenn ich mich darauf einlasse. Und doch vertraue ich darauf, dass diese unsagbare Liebe zu dir nichts und niemand kappen kann. 
 Du bist überall und überall sendest du uns Zeichen. Das hier war ein ganz inniger Gruß an deinen Bruder - ich konnte meinen Augen kaum trauen, als ich das hier auf der Piste sah:
"Jess, the Baroness and Luke, the Duke"
Aber nein, du verblasst nicht wirklich, und ich bin so dankbar um jede Information, die mir zugetragen wird, dass du in den Herzen so vieler Menschen weiterlebst. Eine Zufallsbegegnung mit der Mutter einer deiner Freunde hat mir viel Energie gegeben. Sie hat mir berichtet, dass ihr Sohn noch immer dein Grab aufsucht. Damit hätte ich gar nicht gerechnet. Du bist da. In mir und in so vielen Menschen, die du berührt hast.  
Liebe Zauchensee-Gruppe: von Herzen ein dickes Dankeschön für diese wunderbaren Tage inmitten der Berge. "Wir sind so schön kaputt, aber wir sind nicht allein.. Wir sind vom Leben gezeichnet in den buntesten Farben und wir tragen sie mit Stolz, unsere Wunden und Narben...." 

Sonntag, 25. Februar 2018

Von Resignation und Aufbruch

Sag mir: Hattest du Schmerzen? Was hast du verspürt, als du auf diesen verdammten Waschbetonplatten aufgeschlagen bist? Jonas hat dich gefunden. Er und Daniel waren letztes Jahr auf unsere Bitte hin bei uns, um von deinem Sturz, um von deinen letzten Stunden und Minuten zu erzählen - um von diesem verheerenden Wochenende zu erzählen. Hast du Angst gehabt, als du gemerkt hast, dass du fällst? Du bist nach dem Sturz noch einmal kurz zu dir gekommen - das hat Jonas uns erzählt. Was hast du wahrgenommen? Was hast du in diesem Moment gedacht? Was gefühlt? Oder warst du so dermaßen unter Schock, dass du gar nichts gedacht und gefühlt hast???  Es macht mir zu schaffen, dass ich nicht weiß, wie es dir ergangen ist, während deine Lebenszeit ablief. Ich habe dich zum Tennisplatz gebracht, von wo aus ihr aufgebrochen seid. "Gib auf dich acht!", waren meine letzten Worte an dich. Wie wenig sie doch bringen... Du hast nicht auf dich acht gegeben, hast in diesem Alter noch gar nicht auf dich acht geben können. Du wirktest immer so viel weiter, älter, erfahrener... Ich habe dir noch Spaß gewünscht... Als ich di ch das nächste Mal wiedergesehen habe - rund 11 Stunden später - lagst du im künstlichen Koma und konntest nicht mehr mit mir sprechen, deine Augen geschlossen.
Es ist über zwei Jahre her... Es ist gefühlt wenige Minuten her... Kai ist im August 18 Jahre alt geworden, Fabs ist im Januar 18 Jahre alt geworden. Ich habe es noch nicht geschafft, den beiden persönliche Worte zu schreiben und ein Geschenk zu überreichen. Auch Noahs Geschenk zum 18. - ein Wakeboard-Tag mit uns - haben wir noch nicht umgesetzt. Auch du wärest jetzt 18 Jahre alt - was für ein besonderer Geburtstag! Mein Verstand weiß, dass das "wäre" und "hätte" und "würde" nur blockiert und so überflüssig ist - mein Herz weiß es nur noch nicht. Wie kann ich jemanden loslassen, den ich mehr als mein eigenes Leben geliebt habe (und ich liebe mein eigenes Leben sehr). 
Du warst so besonders, bereits als Kind. Mit fünf Jahren hast du eine Zeitlang gestottert, weil deine Gedanken so viel schneller als deine Mundmotorik waren. Es hörte sich niedlich an. Natürlich habe ich mir auch Sorgen gemacht, aber es war trotzdem niedlich. Du hattest in diesem Alter auch einen imaginären Freund, der am Frühstückstisch neben dir saß. Einmal hast du uns empört zurechtgewiesen, dass der Platz schon besetzt sei und konntest gar nicht verstehen, dass wir niemanden dort haben sitzen sehen. Beim Feueralarm in der 1. Klasse in der Grundschule bist du vor lauter Panik fast aus dem Fenster gehüpft und deine Lehrerin rief mich noch am selben Tag an, um sich nach dir zu erkundigen. Als Kind haben dir einige Dinge Angst gemacht: wackelnde und sprechende Plüschtiere, Clowns, Wasser, Puppentheater... Wer dich einige Jahre später kennengelernt hat, konnte sich dich als kleinen, ängstlichen Jungen nur noch schwerlich vorstellen, insbesondere nicht, wenn man dir beim Skate- oder Snowboarden zugesehen hat. Du warst so ein selbstbewusster, tiefgründig-charismatischer Mensch mit sehr präzisen Vorstellungen und trotzdem vielen Fragen an die Welt und das Leben - manchmal zweifelnd, oft selbstkritisch. Aber so ein paar Ängste hast du beibehalten (wie wir alle): Tao hat mir einmal lächelnd erzählt, dass du dich als Jugendlicher vor deinem eigenen Schatten gefürchtet hättest... Du bist nie mit der Masse gegangen: bei der Wahl der weiterführenden Schule war es dir nicht wichtig, welcher deiner Freunde sich ebenfalls für diese Schule interessiert. Du wusstest, wo du hin wolltest - bereits mit 9 Jahren! Philosophische Fragestellungen haben dich gepackt. Dein Freundeskreis: ebenso außergewöhnlich wie du. Deine Philosophielehrerin hat mir nach deinem Tod etwas für mich sehr Wertvolles ausgehändigt: eine schriftliche Kopie deiner Ausführungen zu folgenden Fragestellungen deiner Lehrerin: 

"Wofür sind Sie dankbar?"

"Ich bin für jeden Tag, an dem ich meine Familie und mich glücklich sehen darf, dankbar. Ich freue mich, dass ich leben darf und jeden Tag meine Umgebung und mich selber wahrnehmen darf. Ich will nicht nach dem Motto 'Lebe jeden Tag als wäre es dein letzter' leben. Ich bin dankbar für jede Facette, die mir das Leben bietet. Sei es nun eine gute oder schlechte. Das Leben ist viel zu wertvoll um seine Zeit darauf zu verschwenden, wie man am Optimalsten lebt."

"Wovon haben Sie sich befreit?"

"Ich habe mich befreit, mich über Dinge aufzuregen, die nicht von Belangen sind. Es könnten einem immer noch schlimmere Sachen widerfahren. Seid glücklich über jeden Tag in eurem Leben, freut euch über jede Kleinigkeit, denn das ist den meisten Menschen bedauernswerterweise schon lange verloren gegangen."



Du warst erst 15!!! Jahre alt, als du diese Worte geschrieben hast. Wie spannend es gewesen wäre, deinen weiteren Lebensweg miterleben zu dürfen. Ich bin so froh, dass du einmal selbst am Steuer unseres Autos gesessen hast, dass du zumindest diese Erfahrung noch machen durftest, wo dir doch so viele weitere Erfahrungen verwehrt bleiben werden. Auf dem "Weilandshof" bist du mit dem Touran mehrere Runden um die Scheune gefahren, während ich eingriffbereit und achtsam auf dem Beifahrersitz saß - und hast es verdammt gut hinbekommen und über das ganze Gesicht gelacht. Das war kurz nach Viannes Tod, im Juli 2015, sechs Wochen vor deinem Tod.Wie schön es war, dich auch nach dieser schlimmen Zeit einmal wieder so frei lachen zu hören, nach 'all den schweren Monaten/ Jahren, die du tapfer mitgetragen hast, gefangen zwischen Viannes Krankheit und deiner persönlichen Reifung zum jungen Mann .Du warst erst 12 Jahre alt, fast 13, als bei Vianne der Tumor diagnostiziert wurde. Die folgenden zwei Jahre haben Micha und ich versucht, zwischen den aufwändigen Therapien und der ständigen Sorge um Vianne für dich und Luke und Ada da zu sein. Ich glaube, wir haben es gut gemacht. Und trotzdem haben wir in dieser Zeit auch manches in deinem Leben nicht unmittelbar miterleben können - Zeit, die mir nun mit dir fehlt - wertvolle Zeit, die ich nie wieder haben werde. Und wieder könnte ich schreiend vor den nächsten Baum treten, mit solch einer inbrünstigen Wut in mir, die ein Erdbeben auslösen könnte. Ich habe eine Verpflichtung dir und mir gegenüber: Nein! Eher eine herausfordernde, wunderbare Aufgabe. Für dich werde ich leben, jeden Tag dankbar genießen, Erfahrungen sammeln, die Faszination und Absonderlichkeit dieser Welt ergründen, offen sein für das Leben in mir und um mich herum, Sachen bewegen, die mir/ die uns wichtig erscheinen, mich einsetzen und zurückhalten, staunen, aus ganzer Seele heraus lachen und lieben, voller Demut und Ergriffenheit. Ich hoffe so sehr, dass ich diesem Weg, den ich schon einmal ein paar unsichere Schritte beschritten habe, weiterhin gehen kann und nicht resigniere. Es ist eine Chance... es ist ein Aufbruch. Angst und Zweifel und Resignation bringen mich immer wieder auf dunkle, verschlungene, kraftraubende Pfade  - führen, entführen, verführen - wollen mich abhalten von meinem Weg. Sie verschleiern ihn, machen ihn unkenntlich. Manchmal folge ich diesen drei mächtigen Gegenspielern und verirre mich, 'mal bringen sie mich weiter von meinem Weg ab, mal kann ich ihn noch aus den Augenwinkeln erspähen - bisher habe ich ihn aber noch immer wieder gefunden, auch wenn ich erst am Anfang stehe. Es wird Zeit aufzubrechen - auszubrechen aus diesem Käfig aus Schmerz. Für dich! Für mich! Für uns! Bitte hilf mir dabei.

PS: 
Ich habe noch eine Bitte an diejenigen von euch, die Jesse gekannt haben: meine Erlebnisse und Erinnerungen an ihn sind begrenzt, dabei gibt es sicherlich noch so viele weitere Geschehnisse und Anekdoten, die ihr mit ihm erlebt habt. Ich würde mich wirklich freuen, wenn ihr irgendeine, wenn auch noch so kleine, auf den ersten Blick vielleicht unscheinbar wirkende Erinnerung an ihn hier teilt, und sei es nur, weil es euch vielleicht gut tut. Natürlich immer in Jesses Sinne. Persönlich Anvertrautes ist und bleibt persönlich Anvertrautes. Ihr könnt beispielsweise über die Kommentar-Funktion schreiben. Wenn ihr anonym bleiben wollt - kein Problem.
Ich weiß auch, dass es wichtig ist, irgendwann die Vergangenheit ruhen zu lassen und das Hier und Jetzt zu leben. Das eine soll das andere auch nicht hemmen. Ich erinnere mich nur gerne und möchte nicht vergessen. Ich möchte von Jesse erzählen: deshalb schreibe ich diesen Blog.  Überlegt es euch!

Samstag, 6. Januar 2018

Wieder Weihnachten

Weißt du eigentlich, wie lange wir nicht mehr hier zuhause das Weihnachtsfest mit dir gefeiert haben? Fünf lange Jahre... 2013 waren wir mit euch allen über Weihnachten im Winterurlaub im Zillertal, 2014 im Stubaital. Die letzten drei Weihnachten haben wir zuhause verbracht, weil es keiner von uns mehr fertigbrachte, ohne Vianne und dich in den Weihnachts-Skiurlaub zu fahren. 2012 haben wir also das letzte Mal mit allen zusammen Weihnachten zuhause gefeiert. Die Bilder in meinem Kopf sind nur allzu präsent. Du warst gerade 13 Jahre alt geworden - so alt wie Luke heute ist. Einerseits fandest du das gemeinsame Plätzchenbacken und Weihnachtsbaumschmücken mit uns zusammen irgendwie blöd und peinlich, insgeheim hat es dir aber auch ein "ganz kleines bisschen" gefallen - das weiß ich, auch wenn du es damals nie öffentlich zugegeben hättest. 



Dafür gefiel dir Weihnachten mit uns zusammen im Schnee mit deinem Board unter den Füßen ausgesprochen gut - du warst gar nicht mehr von der Piste runter zu bekommen, die Pausen lediglich als ein lästiges Muss empfindend.

2013 Zillertal








2015, 2016 und auch 2017 gibt es keine Fotos mehr von dir - und doch warst du dabei: in unseren Herzen, beim Plätzchenessen, in unserem Familienadventskalender: Luke, Ada, Micha und ich haben kleine Überraschungen versteckt, die wir später zu deinem Grab getragen haben. 

Und wir haben dich nach Weihnachten über Silvester mit auf die Schweizer Berge genommen. 
 
Ich bin dein Board gefahren (argh, so schlecht wie schon lange nicht mehr, doch auf einer Abfahrt, die ich mir alleine nur mit dir gegönnt habe, ist wohl etwas von deinem Fahrkönnen und deiner Waghalsigkeit für einen kleinen Moment auf mich übergeschwappt - zumindest kurzweilig, bis ich mich überschlagen und den Tiefschnee geküsst habe.) Micha fährt in deiner roten Snowboardjacke, ich in deiner grünen Boarderhose. Gerne wäre ich dir auf dem kleinen Matterhorn in knapp 4000 Meter Höhe noch näher gekommen, aber wegen Orkanböen waren leider die Gondeln und Lifte gesperrt und wir haben es nicht dorthin geschafft. Vielleicht beim nächsten Mal...  Wir waren mit unseren engsten Freunden im Wallis - auch ihnen hast du unglaublich gefehlt. Ein Ski- und Snowboardurlaub ohne Jesse - undenkbar. Fabs hatte sich extra einen Freund mitgenommen, um jemand Adäquaten in seiner Altersklasse zu haben. Es wäre nicht nötig gewesen, wärest du noch bei uns. Uli hat mir erzählt, dass die gesamte Familie im Vorfeld überlegt habe, wer mitkommen könne. Alle Familienmitglieder warfen ein, dass es eigentlich keinen Passenderen als dich für Fabs im Winterurlaub geben könne... So ein liebevoller Gedankengang. Ich kann nur zustimmen. Du bist durch nichts und niemanden zu ersetzen...Du gehörst dazu. Für immer.... 
Ich hoffe, du kannst sehen, wie Luke boarded: du wärest so stolz auf ihn, er macht großartige Sprünge und hat eine irre Grundgeschwindigkeit...

Einfach so weitermachen - ohne dich - ist keine Option. Deshalb habe ich mich in den letzten Wochen der inneren Ruhe und Besinnung ganz bewusst dazu entschieden, die vielen wundersamen und wunderbaren Dinge des Lebens wieder zu suchen und wahrzunehmen, zu fühlen, zu spüren und einzuatmen. Für dich werde ich sie einatmen... und für mich. 

PS: schau 'mal, was ich mit meinen Skiern gemacht habe😕😁😲😂



 Aber keine Sorge, deinem Board geht es (noch) gut😜
 


Frohe Weihnachten, Großer💗



Wir sehen uns im Pink Flamingo!


Samstag, 9. Dezember 2017

Elternsprechtag

Hey Jesse!
Der November hat mich ausgelaugt, hat mir mehr abverlangt, als ich im Vorfeld  befürchtet hatte: Ich wusste, dass zu viele herausfordernde Termine anstanden, und doch hatte ich den irrsinnigen Gedanken (oder war es vielleicht Hoffnung???), dass ich da irgendwie gut durchkommen würde. Vortrag, Tagung und Lesung haben letztendlich auch gut geklappt. Du wärst wahnsinnig stolz auf mich gewesen, mein Großer, das weiß ich. Du hast mich immer ermutigt, beruflich durchzustarten. Aber es hat mich auch viel gekostet ... nicht in monetärer Hinsicht. Erst die kleinen, nervigen, unangenehmen Dinge, die im normalen Leben so passieren, haben wir ganz deutlich vor Augen gehalten, wie fertig ich bin. Denn dabei verspürte ich häufig so eine immense Wut, dass es mir absolut egal war, was mein Umfeld in diesem Moment von mir dachte. Diese Wut richtete sich kürzlich geballt gegen diese absolut scheußlich unmotivierte, mürrische,  sich an unsinnige bürokratische Bestimmungen haltende Dumm-Nuss der Deutschen Bahn. Hi! Gereiztheit ist mein zweiter Vorname. Bei der Bahn-Story wärst du inhaltlich absolut auf meiner Seite gewesen, weil ich genau weiß, wie du dich oftmals über die Bahn und deren Mitarbeiter aufgeregt hast. Du konntest dich da wahnsinnig hineinsteigern und hast dir an unserer Küchentheke ein ums andere Mal empört Luft gemacht. Lauthals gelacht habe ich bei deiner Beschwerde-Email an die DB. Ja: sie war arrogant, triefend vor Ironie, in Absätzen über die Stränge schlagend, unverschämt - und so dermaßen lustig und unterhaltsam! Sehr gelungen für einen 15-Jährigen. Ich muss gerade schmunzeln ... JESSE, du fehlst mir. Deine Ironie fehlt mir. Dir hätte es zwar auch nicht unbedingt gefallen, wie ich mich im DB-Center aufgeführt habe, es wäre dir irgendwie peinlich gewesen und du hättest mich später sanft getadelt, dass ich es auch hätte subtiler, ironischer verpacken können. Aber du wärst andererseits beeindruckt gewesen, weil ich in diesen Momenten so unglaublich selbstsicher und bestimmt bin. Und es war befreiend, weil ich ansonsten erstickt wäre an meiner angestauten Wut und Verzweiflung. Ein Ventil.... Was es nun mit dieser Bahn-Geschichte auf sich hat? Luke spielt darin die Hauptrolle. Er hatte es geschafft, irgendwie seine Stammkarte zu verbummeln, es aber nicht für nötig erachtet, uns davon zu erzählen oder eine neue zu beantragen. Somit ist er immer nur mit dem entsprechenden Monatsticket gefahren - ohne die Stammkarte. Daraufhin hat ihm eine übereifrige Kontrolleurin eine "Nacherhebungsgebühr" aufgebrummt - 60 Euro - obwohl sich Luke als Schüler ausweisen konnte. Von der Gebühr wird Abstand genommen (bis auf einen läppischen Betrag von rund 7 Euro), wenn man innerhalb einer vorgegebenen Frist seine gültige Fahrkarte für den Zeitpunkt der Fahrt nachweist.Wir machten uns also auf den Weg zum Kundencenter am Schwerter Bahnhof, denn: har har, am Iserlohner Bahnhof gibt es noch nicht einmal ein richtiges DB-Kundencenter. Sie dürfen dort zwar Fahrkarten verkaufen, nicht aber solche Nacherhebungssachen behandeln. Einmal hätte es es gewagt, erklärte der wirklich engagierte, freundliche Mitarbeiter, daraufhin habe er von oberster Stelle eine Rüge wegen Kompetenzüberschreitung bekommen mit der Aussage, er wäre zu kundenfreundlich, har har... darüber muss sich die Mitarbeiterin in Schwerte wohl keine Sorgen machen. Luke hatte mittlerweile eine neue Stammkarte, aber, da bereits der 1.Dezember war, nicht mehr die geforderte November-Marke dabei (die die "nette" Zugbegleiterin ja bereits gesehen und deren Daten wahrscheinlich notiert hatte). Jedenfalls bemängelte Mrs. Bahn-Frohnatur nun die fehlende November-Monatsmarke (die Luke blöderweise jetzt nicht mehr hatte, weiß der Himmel wo die mittlerweile abgeblieben war). Also weigerte sie sich -  total regelkonform - die 60 Euro-Gebühr fallen zu lassen. Ich habe ihr anschließend vor Publikum sehr klar, direkt und deutlich zu verstehen gegeben, was ich davon halte...
Vor wenigen Tagen war ich zu Lukes Elternsprechtag an "deiner" Schule. So viel verbinde ich dort mit dir. Ich sehe dich dort überall, sehe, wie du freudig-aufgeregt neben Kai an deinem ersten Schultag im Eingangsbereich stehst, sehe dich neben mir in der Aula sitzen und den Ausführungen zur Q-Phase lauschen, warte auf dich am Hemberg-Parkplatz...Ich bin an deiner Schule an dem Tag, an dem du verunglückst - es ist der Tag der offenen Tür. Jedes Mal, wenn ich an das Märkische Gymnasium komme, überfällt mich eine tiefe Traurigkeit. Schon auf dem Weg zum Elternsprechtag flossen meine Tränen. Allerdings blieb mir kurz darauf kaum noch Zeit, traurig zu sein, weil Luke 'mal wieder die Termine vertauscht hatte und ich hektisch von einem Raum zum nächsten hetzen musste. Dann sah ich Frau S. Du hast sie nie kennengelernt. Du warst bereits tot. Sie ist eine solch liebenswerte Frau, die Ada und Luke sehr einfühlsam durch die erste Trauerzeit begleitet hat. Sie hat normalerweise nichts mit dem MGI zu tun, doch im Rahmen eines Kooperationsprojektes stand sie an diesem Tag im Schul-Foyer... und wieder kamen mir die Tränen. Kurz darauf traf ich deine Lieblingslehrerin, die mir so sehr ans Herz gewachsen ist. Sie fragte mich, ob ich einen Moment Zeit hätte. Wir saßen gemeinsam im Bio-Raum - in deinem Raum! "Dort oben, ganz rechts außen, da hat Jesse immer neben Fynn gesessen..." Unser beider Augen schimmerten verdächtig  bei der Erinnerung an dich. Sie erzählte mir, dass sich alle deine engsten Freunde auch an deinem diesjährigen Todestag am Seilersee versammelt und auf dich angestoßen haben... Zeit mit dir verbracht haben. Ich war so dermaßen ergriffen von dieser Nachricht. Die Jahre zuvor waren wir dabei gewesen, doch in diesem Jahr hätten wir nicht im Entferntesten damit gerechnet, dass sie sich mit Esther dort treffen, schließlich geht jeder mittlerweile seinem Studium oder Praktikum, seiner Ausbildung oder anderen Dingen nach. Du hast solch wertvolle Menschen um dich gehabt, Jesse! Und sie stehen noch immer an deiner Seite. Ich hoffe, dass du es irgendwie sehen/fühlen/spüren kannst, wo immer du auch sein magst. Deine Freunde! All die Menschen, die dich geschätzt und geliebt haben: was für ein Geschenk. Ich bin so ergriffen und erschüttert in einem....
Kais Tat hat mich bis in die Tiefen meines sich zersetzenden, selbst zerfleischenden  Herzens berührt: ihr beiden kennt euch seit dem Kindergarten, habt gemeinsam Hennen und und später die weitere Umgebung erkundet, ward zusammen am Gardasee und seid mit den bikes den Monte Baldo hinunter gefahren, habt euch in Österreich wilde Skirennen geliefert und euch später im Restaurant total lustig daneben benommen, habt euch bei euren Skateboard-Tricks gefilmt - sogar während ihr übel auf die Nase gefallen seid -  und sicherlich so viele dumme, gefährliche, lustige Sachen gemacht, von denen ich besser nichts weiß.
Großartig! Danke...

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Pädagogisch nicht wertvoll...aber wohltuend!

Hi Jesse! 
Im dichten Nebel startete dein heutiger Geburtstag - wabernde Wolkenschichten um mich herum, kreischende Töne, die irgendwann nach außen drangen, Tränenschleier - schlechte Sicht auf dich... bis sich der Himmel klarte und die Sonne hell und gelb und wärmend auf deinen heutigen Geburtstag schien - auf dich! Wo immer dich deine Reise auch hingeführt haben mag...

Du bist in den Gedanken so vieler lieber Menschen: mehrere Nachrichten erreichten mich, so viele Freunde waren heute noch ein bisschen näher bei dir als sonst, um deinen 18. Geburtstag unvergesslich zu machen. Und ich glaube ganz fest daran, dass du es heute hast richtig krachen lassen. Ada - und ich gestehe: wir Erwachsenen ebenso - haben Knallerbsen neben deinem Grab auf den Boden geschmettert (ich hätte auch einen Böller für dich gezündet, aber ich glaube, das hätte zu Nachforschungen geführt 😎). Adas und Lukes Liebe zu dir ist so tief, sie drücken sie nur auf unterschiedliche Weise aus: Luke lieber still und leise - er ist noch im Dunkeln zu deinem Grab gegangen und hat sich einen exquisiten Brudermoment mit dir genommen - Ada zeigt sie bunt und blühend. "Mama, ich kriege doch noch Taschengeld!", erinnerte sie mich nach dem Mittagessen. "Ich erklärte ihr, dass ich ja auch noch Geld von ihr bekommen würde und wir es verrechnen könnten (du kennst sie ja...). "Hm, ich wollte aber eben zum Blumenladen fahren und Jesse eine Blume kaufen", sagte sie nachdenklich. Daraufhin drückte ich ihr etwas Kleingeld in die Hand und ließ sie losziehen. Sie kam mit mehr Blumen zurück, als man eigentlich für 2,50 Euro bekommen kann. "Ich muss heute sehr an Jesse und Vianne denken", erzählte sie leise und fügte hinzu: "Ich wusste gar nicht so richtig, was ich sagen sollte, als mich die Verkäuferin fragte, für wen die Blumen seien. Ich gabe gesagt: für meinen Bruder, der gestorben ist... und dann hat sie mir noch mehr Blumen gegeben", berichtet sie mit einem glücklichen Lächeln auf ihrem Gesicht. 
Sie hat dir auch noch ein Bild gemalt und auf die Rückseite einen Brief geschrieben, den sie dir in das große Windlicht auf deinem Grab gelegt hat. 

"Lieber Jesse, 
ich muss heute sehr an dich denken. Weil dein Geburtstag ist. Ich vermisse dich jeden Tag. Ich hoffe es geht dir gut. Mir geht es auf jeden Fall gut. Ich hoffe jedenfalls, dass du verstehst, dass ich dich lieb habe. Egal wo du das liest, ob du das auf dem Himmelskratzer liest oder im Wasser. Jetzt weißt du jedenfalls, dass ich dich lieb habe. 
Deine Ada"

Micha und ich haben uns heute Nachmittag mit Schoofis "Holundersaft" im Gepäck auf eine "spritzige" Fahrradtour begeben...
Happy Birthday, Großer! Welch VaNdALisMus... Wir sehen uns im "Pink Flamingo"!

PS: Heute waren viele tolle Leute bei dir ... Danke Fynn, Danke an euch alle!

Sonntag, 17. September 2017

Flaschenpost für dich

Die vergangenen Wochen haben mich die Bilder deiner letzten Lebenstage überfallen, weil mein Herz wusste, welcher Tag bald anstehen würde. Egal wo, egal wann: die Bilder füllten meinen Kopf, ob beim Einkaufen, während Klassenpflegschaftssitzungen, auf Autofahrten...  ich sehe dich stürzen, ich sehe dich sterben, obwohl ich keine der beiden Momente wirklich erlebt habe. Es sind aber auch reale Bilder und Empfindungen aus der Zeit zwischen dem 11. und 17. September 2015, die wie  Kometen mit voller Wucht auf mir einschlagen und tiefe Krater hinterlassen. Nach ihrem Aufprall ist mein Himmel so eingetrübt, dass  all die schönen Erinnerungen an dich nicht mehr durchscheinen können. Die dicke Staubwolke trägt die Polizisten mit sich, die gegen Mitternacht im September 2015 anklingeln, das Krankenhaus in Hamm, die Intensivstation, dieses schäbige Zimmer im Schwesternwohnheim, in dem wir geschlafen haben, den absolut bekloppten Seelsorger, der meinte, uns mit seinen Scheiß-Plattitüden zuschwafeln zu müssen und dem ich seine Scheiß-Phrasen am liebsten in seinen dämlichen Schlund gestopft hätte. Und die Wolke trägt dich. Ich sehe dich dort liegen, beatmet, mit Schwellungen im Gesicht, Aufschürfungen. Du fieberst. Dein Oberkörper ist hoch gelagert. Deine schweren Schädelverletzungen und deine sich ausbreitende Lungenentzündung ist nach außen hin kaum sichtbar. Es ist nach 20 Uhr. Gerade jetzt versuchen dich die Ärzte wiederzubeleben - eine Stunde lang. Du stirbst gleich. Ohne mich. Ich stehe draußen vor dieser verdammten Tür zur Intensivstation und sie lassen mich nicht ein, geben immer nur kurze Infos raus. Dieses linoleumschäbige Wartezimmer wird zum Käfig. Ich durfte nicht bei dir sein, als du gestorben bist - heute schreie ich vor Wut darüber. Ich hätte bei dir sein müssen, wie bei Vianne. Es ist brutal. Es ist unmenschlich. Dieser letzte Moment hätte uns gehören müssen.... Es macht mir so zu schaffen... Ich war nicht an deiner Seite...Ich war nicht da!
Es ist der 17.09.2017, genau 21 Uhr, während ich dir schreibe. Ich habe noch 9 Minuten mit dir, bevor ich in das dritte Jahr ohne dich gehe. Der Druck der vergangenen Wochen löst sich gerade etwas. Luke, Micha, Ada und ich haben heute bis zum Mittag ausgeschlafen und abgehangen. Micha und ich sind erst um 5 Uhr heute Morgen von einer Party nach Hause gekommen. Sehr gut! Ich will heute auch gar nicht fit und aktiv sein. Wir hatten uns im Vorfeld zum 3-D-Minigolf angemeldet, weil keiner von uns Lust hatte, sich heute ein blödes Stück Torte in Gedenken an dich hineinzuwürgen oder mit Trauermiene zum Friedhof zu stapfen. Deshalb haben wir im Neonlicht den Golfball eingelocht und hinterher chillig auf dem Fatboy gegenseitig mit leckeren Limonadenflaschen  angestoßen (eine ist natürlich halb auf dem Sitzsack ausgelaufen - du siehst, es ist "fast" wie immer). Die Geschacksrichtung "Melon" haben wir entführt und mit an die Ruhr genommen - und sie kurzerhand zur Flaschenpost umfunktioniert. Wir vier haben dir alle ein paar persönliche Worte auf ein Blatt geschrieben, das wir zum Glück noch nebst Kugelschreiber im Auto gefunden haben. Keiner durfte die Worte des anderen lesen. Sie sind nur für dich bestimmt, Jesse. Es war eine spontane Aktion. Das Blatt passte perfekt in die Flasche. Ada hat zum Schluss noch eine Blüte in die Flasche gegeben, ich etwas Birkenrinde (ich kann dir gar nicht sagen warum). Dann haben wir die Öffnung mit einem Ast verschlossen, den wir kurz zuvor gefunden hatten. Der Ast passte haargenau in die Flaschenöffnung - echt unglaublich. Wir haben die Flaschenpost noch kurz gemeinsam gehalten, bevor Luke sie in hohem Bogen in die Ruhr geschleudert hat. Lange haben wir ihr hinterhergeschaut. Viel Spaß beim Lesen, Großer!


Du fehlst jede Sekunde... uns allen!