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Montag, 13. Juni 2022

Flächenbrand

"Ich gehe auf Lukes Stufenpflegschaftssitzungen - und werde immer wieder in Jesses Oberstufe katapultiert. Ich habe eine irrationale Angst davor, dass ich nicht zu seinem Abiball gehen kann. Meinen eigenen habe ich damals in meiner Revoluzzer-Phase gemieden und bin kurzerhand nach Kuba geflogen. Jesse ist gestorben, bevor er sein Abi machen konnte... es fühlt sich wie ein Fluch an." (Blogeintrag: 10.09.2021 "Auf der Suche nach Schokolade")

Als ob ich in die Zukunft schauen könnte. Die befürchtete Zukunft (ha ha - self fulfilling prophecy, welch Ironie ) ist jetzt Gegenwart und somit Realität - meine Realität. Am liebsten wäre ich wieder in der Vergangenheit... ein Paralleluniversum wäre auch nicht so übel, wenn ich es mir recht überlege...

Wie sehr bräuchte Luke, bräuchten wir jetzt gerade deinen Zuspruch, Jesse. Deine Lerntipps, deinen Ratschlag, schwierige Situationen mutig anzugehen. Deine Gegenwart. Und natürlich deine feine Ironie und deine herrlich-überbordende, eifrige Entrüstung über gewisse Menschen, die einfach keinen guten Job gemacht haben - mich eingeschlossen. Worum geht's hier eigentlich? Um eine Sache - und doch um so viel mehr. Luke ist erst einmal durch seine Abiturprüfung gerasselt. Zwar blöd, aber letztendlich kein Weltuntergang. Weder er noch wir haben damit gerechnet und waren dementsprechend sprachlos, da seine Noten in der gymnasialen Oberstufe bisher sehr sourverän waren. Am morgigen Dienstag hat er im Rahmen der mündlichen Nachprüfungen eine kleine Chance,  doch noch zu bestehen. Sei bei ihm... Es gibt so viele Situationen, schöne wie blöde, an denen ich mir dich an seiner Seite gewünscht hätte/ wünsche.

Es ist nicht nur das Nichtbestehen. Nüchtern betrachtet und gut "brandschutzversichert" gibt es wie gesagt weitaus Schlimmeres. Bei mir geht es tiefer, lässt andere Wunden wieder aufbrechen und nässen, lässt den Gedanken aufkommen, wieder einmal versagt zu haben. Ich habe das Gefühl, dass ein riesiger Flächenbrand in mir wütet. Wann sich all dieses leicht entzündbare Material angesammelt hat, kann ich dir gar nicht so genau sagen. Es war ein schwelender Prozess. Seit der Mitteilung, dass Luke die Prüfung nicht geschafft hat, hat sich alles entzündet. Lediglich ein einziger Funke war vonnöten... Bereits brennend habe ich kurz darauf  noch einen mir äußerst wichtigen Vortrag gehalten. Zu viele Aufgaben, mit denen ich mich überhäuft habe, zu viele sehnsüchtige Gedanken, zu viele Entbehrungen - letztendlich leicht entflammbarer Zunder. Nur eine Frage der Zeit, bis alles lichterloh in mir brennt. Ich glaube nicht, dass außerhalb meines innersten Kreises irgendjemand auch nur ansatzweise die ersten Brandgerüche wahrgenommen hat. Ich funktioniere ja gut und hatte meistens einen kleinen Eimer Wasser bei mir, um ein Aufglimmen zu verhindern. Der Eimer hat sich im Laufe der Jahre jedoch immer weiter geleert und selten ergab sich eine echte Gelegenheit zum Auffüllen. Und jetzt fühlt es sich an, als ob ich das Feuer aktuell nicht mehr löschen kann. Ich möchte nicht nur noch über verbrannte Erde laufen. 

Andererseits hat solch ein Feuer auch etwas Faszinierendes, Ursprüngliches, Verzehrendes, Unkontrollierbares, Hungriges, Kraftvolles und - letztendlich Reinigendes. Vielleicht muss es mich einmal richtig runterbrennen und verzehren, damit es nicht noch einmal zu solch einem Flächenbrand kommt. Und auf verbrannter Erde wächst meistens etwas Frisches, Beständiges und äußerst Lebendiges.

Immer wieder knete ich in meinem Hirn die Frage durch, ob ich einfach nur zu sensibel bin und das wahre Leben eben so aussieht, inklusive der ganzen brandings, ober ob ich persönlich seit Beginn von Viannes Erkrankung in einem extremen Dürregebiet lebe, das einfach häufiger heimgesucht wird. Ich bin es so leid, ewig Feuerwehrfrau zu spielen. So let it burn ;)

Das Gute ist: in meinem jetzigen Zustand hatte ich das erste Mal nach langer Zeit wieder das Gefühl, dich leicht spüren zu können, Jesse.

Samstag, 16. Oktober 2021

Glück

Was ist Glück, mein Lieber? Das habe ich schon mehrere, mir persönlich wichtige Menschen in meinem Leben gefragt. Glück ist sicherlich, einen Sohn wie dich in meinem Leben gehabt zu haben… dich, Jesse, noch immer bei mir zu wissen, auch wenn du nicht mehr im physischen Sinne greifbar bist. Ebendieses fehlt mir und macht mich zu einem seelischen Krüppel…



Ich sitze gerade oberhalb des Meeres, schaue auf die blaue See, Wellen und weiße Segler, höre das Meeresrauschen und die Möwen und genieße Wein, Weißbrot, Knoblauch und Tomaten. Das kommt der herkömmlichen Vorstellung von Glück schon ziemlich nahe, und ich weiß diese Gaben der Erde zu schätzen. Wirklich! 



Aber was kann gegen meine Liebe zu dir antreten, mein Großer? Ich weiß das mir Gegebene zu schätzen, das weißt du, sonst wäre ich nicht ich. Dennoch würde ich dies ohne ein Wimpernzucken hergeben für ein Leben mit dir. Ist aber nicht drin. Deshalb versuche ich, für dich mit zu leben und bin heute Morgen ganz früh  in unseren eiskalten Pool gestiegen, weil ich mir irgendwann mal in meinem Kopf gesetzt habe, dich durch mich weiterhin empfinden zu lassen - dazu gehört auch diese berauschende Kühle vor der aufgehenden Sonne. Das hält mich lebendig- und nichts anderes bin ich dir schuldig. 

Übermorgen würdest du 22 Jahre alt, 6 Jahre ohne dich,  fast 16 Jahre mit dir, jede einzelne Sekunde kostbarer als mein eigenes Leben. Happy Birthday, Fly high, sei glücklich, was immer es auch für dich bedeuten mag…I’ll be alright - and don‘t look behind with regret - ich arbeite daran. Follow me… 






Freitag, 10. September 2021

Auf der Suche nach Schokolade...


 Nach einer kräftezehrenden, arbeitsreichen Woche arbeite ich heute im homeoffice. Eigentlich habe ich nur nach einem Stück Schoki in Michas Arbeitszimmer gesucht, da er dort immer einen Geheimvorrat anlegt, um sich ein paar Leckereien zu sichern. Denn sobald etwas Süßes in der Küchenschublade lagert, fallen gleich mehrere gefräßige Zuckermonster (mich eingeschlossen) darüber her und lassen keinen Krümel übrig. Ich hätte es besser wissen sollen. Auf der Suche nach der Schoki öffnete ich den Schrank, in dem wir Jesses Sachen aufbewahren. Ich dachte, ich wäre safe. Ich dachte, ich könnte es mittlerweile kontrollieren. Pustekuchen. Schreiend und heulend hockte ich zusammengesunken vor dem Schrank, ließ meine Finger über einen selbstbedruckten Jutebeutel von Jesse gleiten, blätterte durch seine Klassenarbeit aus der 8. Klasse .... Der Schmerz schwappte wie eine riesige Flutwelle hinüber, zu lange herrschte emotional kontrollierte Ebbe. Was für ein Irrglaube, solch eine Naturgewalt wie die Gefühls-Gezeiten aufhalten zu können. Die Vorboten habe ich nicht beachtet: ein flüchtiger Gedanke, dass bald wieder Jesses Unfall- und Todestag bevorstehen. Ein kleiner Stich ins Herz, nachdem Fynn und Theresa bei uns waren (nicht falsch verstehen, ich genieße es, Jesses Freunde um mich zu haben und sie ein Stück weit begleiten zu dürfen - aber es tut auch weh, weil Jesse nicht mitgehen darf), dann die Sehnsucht auf der letzten Bergtour, noch vor Sonnenaufgang auf den Hochgrat zu steigen, um Jesse und Vianne in aller Abgeschiedenheit nah sein zu können... Alles kleine, erst im Rückblick sichtbare Anzeichen, dass etwas Größeres anrollt. 

Es gibt nicht mehr nur noch reine Freude - das weiß ich. Zu vieles Schöne führt mir zeitgleich schmerzlich vor Augen,  was ich verloren habe. Ich glaube, dass muss ich näher erklären. 

Ada ist mit ihrer Freundin in der Stadt shoppen und kommt mir später in der Fußgängerzone mit einem bubble tea entgegen, von dem sie mir begeistert erzählt. Das letzte Mal, dass ein bubble tea Thema ist, liegt 10 Jahre zurück. Jesse liegt gerade, ebenfalls 12 Jahre alt, wegen einer Borrelieninfektkion zur Antibiose im Krankenhaus und wünscht sich solch einen Tee, den ich ihm mitbringe. 

Ada hat in der siebten Klasse Latein gewählt - sofort muss ich an Jesses ganze Latein-Eskapaden denken. 

Luke trifft sich zum skaten mit Leuten am Seilersee, bestellt sich Schraubwerkzeug, ein neues deck, Kugellager, lässt sich im coolen Skaterladen in Hamburg ausgiebig beraten - es ist wie ein déja-vu.

Ich gehe auf Lukes Stufenpflegschaftssitzungen - und werde immer wieder in Jesses Oberstufe katapultiert. Ich habe eine irrationale Angst davor, dass ich nicht zu seinem Abiball gehen kann. Meinen eigenen habe ich damals in meiner Revolutzer-Phase gemieden und bin kurzerhand nach Kuba geflogen. Jesse ist gestorben, bevor er sein Abi machen konnte... es fühlt sich wie ein Fluch an.

Wir sind in diesem Sommer auf Korsika - wunderbar... Hier hat Jesse schwimmen gelernt.

Luke hat seinen Führerschein in der Tasche - fantastisch. Ich freue mich wahnsinnig für ihn und erinnere mich zeitgleich wehmütig an das Gespräch mit Jesse kurz vor seinem 16. Geburtstag, indem er mir mitteilt, in einem halben Jahr endlich mit der Fahrschule starten zu können. 

Morgen ist der 11. September. Morgen fälltst du wieder, Jesse. "What if we rewrite the stars?... All I want is to fly with you, all I want is to fall with you..." 







Donnerstag, 11. März 2021

Durchhalten

 "Aber wir sind schrecklich stolz auf dich."
"Und warum?"
"Einfach fürs Durchhalten. Manchmal, mein Mädchen, ist das alleine schon eine Heldentat." 
 (Zitat aus einem Buch, das ich gelesen habe und an dessen Titel ich mich nicht mehr erinnern kann. Wie schändlich. Der Verfasser dieser Zeilen möge mir verzeihen)

Meine Gedanken flitzen nur so durch meinen Kopf, und dennoch kann ich momentan keinen noch so kleinen Gedankenfetzen vernünftig festhalten, jeder einzelne entgleitet mir schnell wieder und lässt sich auch nicht mehr neu denken. Was ist bloß los mit mir? Ich habe Angst, dass meine Worte nicht mehr fließen können, dass ich äußerlich verstummt bin, obwohl innerlich alles in Bewegung ist. 
Wie so oft habe ich ein schlechtes Gewissen dir gegenüber, mein Großer. Für Vianne gibt es nicht nur einen, sondern gleich zwei Blogs, zudem etliche Lesungen und Veröffentlichungen. In ihrem Name gebe ich fast alles in meiner beruflichen Tätigkeit, bin an Studien beteiligt, halte Vorträge, organisiere Spendenaktionen, helfe Kindern, angstfrei durch die Protonentherapie zu kommen, versuche, Eltern Halt zu geben und bin mit Herz und Verstand unaufhaltsam bei der Sache. Und für dich? Was tue ich für dich? Ich fühle mich elendig. Es fällt mir auch im sechsten Jahr nach deinem Tod schwer, dich zu erwähnen. Nein, nicht dich! Deinen Tod. Weil ich immer denke, dass die Mitmenschen mich dann für absolut gestört halten, wenn sie erfahren, dass ich zwei Kinder in noch nicht einmal zwei Monaten verloren habe. Dass ich dich überhaupt verlieren konnte. Und das hinterlässt in mir ein Gefühl des absoluten Versagens. 
Luke ist nun älter als du - in wenigen Wochen wird er bereits 17 Jahre alt und nimmt uns mit in die Welt der jungen Erwachsenen, die wir mit dir nicht erleben durften: baldiger Führerschein, anstehendes Abi, Bewerbungen, Freundin... Es ist spannend. Es ist neu. Wie gerne hätte ich dich auf diesem Weg begleitet und hätte jetzt etwas Erfahrung, um Luke zur Seite zu stehen. Du fehlst wahnsinnig. Meine Gedanken an dich ersetzen niemals eine Berührung mit dir. Ich möchte dich halten und in den Arm nehmen, mich mit dir austauschen. Du warst meine Inspiration. Du bist so tief und wärmend in meinem Herzen und meinen Gedanken verankert. Das ist alles, was ich habe. Erst gestern bin ich mit Eira (unserem Aussie-Energiebündel) eine große Hunderunde um den See am Bahnwald gegangen. Alles zog mich zu der verfallenen Mauer, an der du deine Bilder hinterlassen hast. Sie sind noch immer da, zwar verblasst, aber sie sind noch da. Die Tränen kamen schnell und heftig, während Eira tapfer Stellung hielt, sich anschmiegte und etwas von dem Schmerz abfederte - ein großartiger Hund, du hättest sie geliebt. 
 
Vor einigen Monaten hat uns Fynn besucht - es ist immer absoulut erfrischend zu erleben, wie sich deine engen Freunde weiterentwickeln. Sie helfen mir, entfernt mitzuerleben, wie du dich weiterentwickelt hättest, geben mir eine Vorstellung davon, wie es wäre, wenn du noch unter uns wärst. 
In der Vorweihnachtszeit haben wir wieder unseren Familien-Adventskalender gefüllt. Micha hatte eine Lichterkette für dich, Ada eine Zeichnung und ich - ich kann mich nicht mehr erinnern, was ich für dich parat gehalten habe - und genau das meine ich mit meinem Gedankenchaos. Es tut mir in der Seele weh. Wie kann ich nur so etwas vergessen? Über Lukes Geschenk an dich mussten wir alle schmunzeln: ein Schwimmbadschlüssel, den du einmal hast mitgehen lassen und später feierlich an Luke überreicht hast. Sozusagen eine kleine Trophäen-Weitergabe, sicherlich "gegen das System" (haha). Nun liegt er wieder bei dir, auf deinem Grab. Auch dort war ich lange nicht mehr. Ich suche dich, aber finde dich nicht. Wahrscheinlich, weil ich nicht genau  hinschaue, weil mit Blick verklärt ist von Dingen, die eigentlich keiner oder nur geringfügiger Aufmerksamkeit bedürfen. 
Erst letztens habe ich wieder den hervorragenden Film "Verborgene Schönheit" geschaut. Ein Satz triggert mich: "Nichts ist im Grunde wirklich tot, wenn man genau hinsieht."
Ich schwappe über voller Liebe zu dir. Und das bedeutet, dass meine Sehnsucht unstillbar ist. Aber mache dir bitte keine Sorgen. Ich komme damit klar. 
Du bist weiterhin bei uns. Im Kleinen. Lukes Freundin Matilda belegt ebenso wie du den SoWi-Leistungskurs. Sie hat sich deine erste Klausur in der Q1 als Übungsmaterial genommen - und hat eine tolle Note erzielt. Du bist einfach großartig - auch weit über deinen Tod hinaus. Ada träumt von dir. Ich gehe an dieser Stelle nicht ins Detail, um Adas Privatsphäre zu schützen. Aber es beruhigt mich, deshalb erwähne ich es an dieser Stelle. 
Weißt du, woran ich merke, dass mich dein Verlust noch immer überfordert? Seit Jahren kriegen wir vom Jugendherbergsverband die Mitgliedsausweise zugeschickt. Auch auf deinen Namen. Ich schaffe es nicht, eine Email zu schreiben, dass wir keinen neuen Ausweis für dich benötigen,weil du gestorben bist. Ich schaffe es nicht. Egal, welche Copingstrategien ich entwickle: letztendlich möchte ich dich einfach nur in meinen Armen halten dürfen - dich körperlich spüren. Verdammt. 
Alica, Fynn, Theresa, Tao, Noah, Jolie, Marvin, Tom, Kai, Jill ...: lebt intensiv, probiert euch aus, scheitert, wachst, seid neugierig und verrückt, aber lebt. Es lohnt sich. Für euch, für Jesse. Ihr habt alle einen Platz in unseren Herzen.


Donnerstag, 7. Januar 2021

In Kürze...

 Hi Großer, 

ich habe dich nicht vergessen - melde mich bald wieder bei dir. Vorab ein frohes neues Jahr, wo immer, wann immer und was immer du auch bist. In Kürze kommt mehr. Versprochen! Fly high

Donnerstag, 17. September 2020

Believe in me...

 

Samstag, 19. September 2015  

(Auszug aus einem aktuell nicht veröffentlichten Teil des Ursprungsblogs "Ich heiße Vianne!" - damals noch bei blog.de beheimatet)

Meine Finger fühlen sich etwas eingerostet an, weil ich so lange nicht mehr auf diesen Seiten (Anm.: Viannes Blog) geschrieben habe... Mein Herz wird aber immer mit diesen Zeilen verbunden bleiben... Ich weiß, dass einige von euch Jesse hier gesucht und in einigen Beiträgen, auf einigen Fotos auch gefunden haben, zumindest einen kleinen Teil von ihm. Das ist gut. Jesse und Vianne - verwoben, verbunden, vereint? Er wird einen Weg zu ihr finden, und wenn es keinen gibt, wird er einen bauen - mit einer ebensolchen Ruhe und Strebsamkeit, mit Ehrgeiz, Raffinesse, Liebe und einer zielgerichteten Energie, die ihn auch im Leben ausgezeichnet haben. Er wird sie halten, sie wohlig in den Arm nehmen, sie neckisch knuffen, sie hoch in die Luft werfen, bis sie vor Freude quiekt - und sie genauso sicher wieder auffangen. Und sie wird ihn mit ihren kleinen Fingerchen sanft über sein Gesicht streichen wie sie es immer getan hat... Ihr dürft ihn suchen! Hier oder anderswo. Und ihr werdet ihn finden - tief in euren Herzen... 

Jesse ist gestorben. Am Donnerstag, 17. September 2015, um 21:09 Uhr. Nach einer Stunde vergeblicher Reanimation... 


 

Sehr abstrus diese Stunden, während die Ärzte versuchten, sein Leben zu retten, und wir, ausharrend in einem sterilen Wartezimmer, festsaßen, gefangen wie ein Tiger im Käfig, der stupide an den Gitterstäben entlangstreicht, immer der gleichen Route folgend, um nicht durchzudrehen. Durch Tür und Wände gerade einmal 20-30 Meter von Jesse räumlich getrennt, und doch gefühlt meilenweit entfernt, während mein ältester Sohn um sein Leben kämpft. Mir wird gerade kotzübel, während ich diese Zeilen schreibe. Eingesperrt. Nein, eher ausgesperrt. Zum Warten verdammt. Mit spärlichen Infos gefüttert, gerade soviel, um nicht zu verhungern. Ich weiß noch, wie der Arzt flüchtig seinen Kopf durch die Tür zum Wartezimmer steckte und uns entgegenrief, dass sie gerade reanimieren. 

Dann durften wir zu ihm. Nur war er da bereits tot. Ich habe ihn das erste Mal nach seinem Sturz ohne Schläuche und Beatmungsgerät gesehen. Es mag sich komisch anhören, aber das war das Erste, was mir aufgefallen ist. Nach dem ganzen verkrusteten Blut an Mund, Ohr und Nasenlöchern... Wie konnte aus Jesse, einem kräftigen, willensstarken jungen Mann,  sämtliche Lebensenergie entweichen? Nach einem Unfall aus rund vier Metern Höhe. Es waren "nur" vier Meter!!!  Manche überleben Stürze aus größerer Höhe. Sogar nach einem Fallschirmabsprung. Die ganzen langen sechs Tage zwischen seinem Sturz und seinem Tod habe ich immer wieder gedacht, dass er gar nicht sterben kann. Dass das rein statistisch gar nicht sein kann. Zwei Kinder innerhalb von nicht einmal zwei Monaten. Statistiken sind scheiße! 

Es ist schon interessant, wie der menschliche Geist funktioniert. Ich weiß noch, dass ich nicht lange bei Jesse war, nachdem wir zu ihm durften.  Ich kann mich nicht mehr an Einzelheiten erinnern. Ich war da - und doch nicht. Trauma. Kein Traum. Ich weiß, dass ich Jesse berührt habe, aber ich weiß nicht, ob ich ihn geküsst habe. Im Nachhinein hätte ich mir mehr Zeit gönnen sollen mit ihm. Aber damals reichte mir der Moment, obwohl ich nicht einmal sagen kann, ob er 5 oder 10 Minuten oder eine halbe Stunde gedauert hat. Ich weiß noch, dass ich strukturiert und leise war. Fast kalt gewirkt habe. Kein Schreien. Keine Tränen. Nur reine Funktion. Irgendwie glasklar, und andererseits gedämpft. Schock. Reine Überlebensinstinkte übernehmen. Ich wusste nur eines: Ich muss hier weg und ich kann nicht nach Hause. Kann nicht Ada und Luke, meiner Schwester und Ralf entgegentreten. Kann ihnen Jesses Tod nicht persönlich mitteilen. Und ich kann nicht mit Micha OHNE Jesse gemeinsam irgendwohin. Ich hatte vorher einen Deal gemacht und ließ mich abholen, um abzutauchen. Ganz tief. Mit dem Wunsch der absoluten Betäubung, der inneren Abspaltung. Dissoziation. Schock. Ich organisierte noch, dass Micha von Freunden sicher nach Hause begleitet wird (an dieser Stelle aus tiefsten Herzen: Danke Nicole und Frank). In der Wartezeit ging ich den Krankenhausflur - es muss schon spät am Abend gewesen sein - auf und ab, immer der gleichen Anzahl an Schritten folgend, krampfhaft am Schema entlanghangelnd, bis ich an der kalten Wand angekommen war, vor die ich meinen Kopf rammte. Gerade so fest, dass ich körperlichen Schmerz spürte, um dazubleiben. Um meinen Verstand nicht von einem Schmerz auffressen zu lassen, der das Universum in die Tasche gesteckt hätte. Immer wieder. Immer die gleichen Abläufe, an denen ich mich Schritt für Schritt mental am Leben hielt. 20 Schritte hin, 20 Schritte zurück, Kopf vor die Wand, 20 Schritte hin, 20 Schritte zurück, Kopf vor die Wand, 20 Schritte hin, 20 zurück, Kopf vor die Wand, 20.... Immer und immer wieder. Ich wusste, dass ich diese Nacht nur überlebe, wenn ich mich mental abspalte, mein altes Leben, ein Leben mit Jesse, abstreife. Sofort. Ganz. Ohne Rücksicht auf Kollateralschäden. Mein Leben in der bisherigen Art und Weise weiterzuleben erschien mir unmöglich. Und ich wusste genau. Mache ich diesen Schritt nicht, zerbreche ich. Wie gesagt: Reiner Überlebensinstinkt, brachiale Reduktion auf das Wesentliche. Das hat mich gerettet. Zwei Tage später, am Samstag, 19. September 2020, habe ich die obigen Zeilen in Viannes Blog schreiben können. Durchdrungen von Liebe.

Donnerstag, 17. September 2020 

I'd like to say I'm ok but I'm not... Ich habe überlebt, ja, habe einen Teil meiner Persönlichkeit hinüberretten können - und einen großen Teil verloren. Ein Video aus der Schweiz aus dem  Jahre 2013, das ich gestern beim Stöbern in der GoPro-Datei gefunden habe,  hat mir glasklar vor Augen gehalten, wie viel ich verloren habe. Was für ein Spiegel! Man denkt ja auch immer, man altert nicht. Genauso ist es mit der Wahrnehmung, dass man sich gar nicht so sehr verändert habe. Wie viel Wut und Unzufriedenheit meinen Alltag heute leider allzu oft bestimmen. Wie wenig Lachen, Ausgeglichen- und Unbeschwertheit in Vergleich zu früher noch übrig geblieben sind. Und das Video stammt aus einer Zeit unter Viannes Erkrankung, so dass ich auch da schon allen Grund gehabt hätte, die Traurigkeit in mein Leben zu lassen. Aber zu diesem Zeitpunkt war ich noch von der Hoffnung durchtränkt, dass alles ein gutes Ende nimmt, trotz aller Sorgen. Die Schweiz, das PSI und seine Mitarbeiter: Hoffnungsträger und Herz in einem. Es ist nicht so, dass ich fünf Jahre nach Jesses Tod nicht lebe. Das tue ich. Aber nicht an Tagen wie heute. Doch hin und wieder. "Und das muss genügen", sage ich mir dauernd. Ich bin demütiger geworden. Ich bin müder geworden. Verarbeitungsmechanismen, die mir in den vergangenen Jahren zuverlässig geholfen haben, musste ich in diesem Jahr abstreifen. Das erklärt vielleicht meinen mentalen Einbruch heute. Und wer mich kennt, weiß, dass ich mehr will als ein "das muss genügen". Ich habe gestern wirklich überlegt, ob ich kurzerhand zu Luke (Tätowierer) nach Bangkok fliege und mir endlich mein Jesse-Tattoo stechen lasse. Wirklich! Kein Scherz. Ok, ich bin doch noch da und nicht gänzlich abhanden gekommen :). Das beruhigt.

Es ist interessant, sich selbst zu betrachten: Nach Jahren der nicht versiegenden Tränen ist mir aufgefallen, dass mein rechtes Auge schneller weint als mein linkes. Kennt ihr das? Ich kann auch leise und unauffällig weinen, da ich meistens keinen Bock darauf habe, getröstet zu werden. Ist auch nicht nötig. Das hier ist eine Momentaufnahme. Morgen weht ein frischer Wind, das weiß ich. Ich hatte heute ein gutes Gespräch mit Luke. Er hält sich nicht an diesen Eckdaten (Geburtstag, Todestag etc.) fest. Das ist gesund. "Eigentlich macht's doch keinen Unterschied." Er hat Recht. Jesse ist weg: Heute, Morgen, Übermorgen... und lebt in uns und all seinen Freunden weiter. Übrigens Danke für eure lieben Nachrichten heute. Ich bin immer wahnsinnig berührt, dass ihr auch so viele Jahre nach seinem Tod mit dem Herzen noch bei ihm (und uns) seid.
Ada hat heute leckere Muffins für uns gebacken...   

Auf dem Video aus der Schweiz haben wir übrigens eine Paddeltour auf dem Rhein gemacht und haben uns mit der Strömung mitreißen lassen. Jesses trockene Kommentare in dem Video sind zum Schreien. 

 

Andere Sequenzen zeigen ihn mit Kai beim Skateboarden. Lässig, cool, smart, mit einem spitzbübischen Grinsen und einer Riesenportion Charme durchtränkt...









Wie du mir fehlst, Jesse. Ich hoffe, es gibt vernünftige Skateboard-Decks, da wo du jetzt bist und genug Möglichkeiten, um abseits der Pisten snowboarden zu können. Fly high, hab Nachsicht mit mir, Jesse, und gib die Hoffnung nicht auf, dass ich den verloren gegangenen Teil meiner Selbt wiederfinde. Believe in me. Liebe dich. Mein Herz zu deinem Herz. Meine Seele zu deiner Seele...


Freitag, 11. September 2020

Absturz

 Du stürzt heute - und ich stürze mit dir. Tief. Nichs kann ich dagegen tun, gar nichts - weder gegen deinen, noch gegen meinen Sturz an diesem 11. September, an dem noch so viel mehr zusammenbricht*. Ich falle und schlage hart auf, werde aber wieder aufstehen, meine Wunden verbinden und weiter waten, bis es sich wieder leichter läuft, während du für immer am Boden liegenbleibst. Ich hätte dich nicht fahren lassen dürfen. Ich hätte dich gegen deinen Protest hierbehalten sollen, hätte meinem Bauchgefühl folgen sollen, dass mich erst verzweifelt und wild angeschrien und später nur noch leise und hilflos angefleht hat, dich nicht mitfahren zu lassen. Ich wollte dir eine Freude machen, dich ziehen lassen, dir ein unbeschwertes Wochenende auf dieser Tennisfahrt gönnen... und habe nicht auf meine inneren Zweifel gehört - und das hat dich dein Leben gekostet. Ich weiß vom Ratio, dass ich keine Schuld daran trage - aber mein Herz schreit mich immer wieder an, dass ich versagt habe. Ich hätte schließlich geschworen, dich zu beschützen, vom ersten Tag an, als ich von dir wusste, noch bevor du deinen ersten Atemzug getan hast. Du atmest nicht mehr. Nie mehr. Und ich ersticke heute langsam.

Noch vor wenigen Tagen habe ich zu einer Freundin gesagt, dass ich diese Septemberwoche im Griff habe, mich gut fühle, vorbereitet sei. Bullshit. Heute unterliegt so rein gar nichts meiner Kontrolle. Ich bin angeschlagener als im Vorjahr, angeschlagener, als ich mir eingestehen mag. Ich bin dünnhäutig, knalle Türen zu, mache meine Tochter klein, anstatt ihr beim Wachsen zu helfen. Luke ist heute Abend auf einer Party in Kalthof und will spät nach Hause kommen. Gerade heute. Meine Angst um ihn hält mich heute gefangen. Aber morgen streife ich sie wie einen alten Mantel ab, schaue Richtung Sonnenaufgang und lasse mich vom frischen Wind nach vorne treiben...


*9/11: in memory of all victims of crime and terror