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Samstag, 6. Januar 2018

Wieder Weihnachten

Weißt du eigentlich, wie lange wir nicht mehr hier zuhause das Weihnachtsfest mit dir gefeiert haben? Fünf lange Jahre... 2013 waren wir mit euch allen über Weihnachten im Winterurlaub im Zillertal, 2014 im Stubaital. Die letzten drei Weihnachten haben wir zuhause verbracht, weil es keiner von uns mehr fertigbrachte, ohne Vianne und dich in den Weihnachts-Skiurlaub zu fahren. 2012 haben wir also das letzte Mal mit allen zusammen Weihnachten zuhause gefeiert. Die Bilder in meinem Kopf sind nur allzu präsent. Du warst gerade 13 Jahre alt geworden - so alt wie Luke heute ist. Einerseits fandest du das gemeinsame Plätzchenbacken und Weihnachtsbaumschmücken mit uns zusammen irgendwie blöd und peinlich, insgeheim hat es dir aber auch ein "ganz kleines bisschen" gefallen - das weiß ich, auch wenn du es damals nie öffentlich zugegeben hättest. 



Dafür gefiel dir Weihnachten mit uns zusammen im Schnee mit deinem Board unter den Füßen ausgesprochen gut - du warst gar nicht mehr von der Piste runter zu bekommen, die Pausen lediglich als ein lästiges Muss empfindend.

2013 Zillertal








2015, 2016 und auch 2017 gibt es keine Fotos mehr von dir - und doch warst du dabei: in unseren Herzen, beim Plätzchenessen, in unserem Familienadventskalender: Luke, Ada, Micha und ich haben kleine Überraschungen versteckt, die wir später zu deinem Grab getragen haben. 

Und wir haben dich nach Weihnachten über Silvester mit auf die Schweizer Berge genommen. 
 
Ich bin dein Board gefahren (argh, so schlecht wie schon lange nicht mehr, doch auf einer Abfahrt, die ich mir alleine nur mit dir gegönnt habe, ist wohl etwas von deinem Fahrkönnen und deiner Waghalsigkeit für einen kleinen Moment auf mich übergeschwappt - zumindest kurzweilig, bis ich mich überschlagen und den Tiefschnee geküsst habe.) Micha fährt in deiner roten Snowboardjacke, ich in deiner grünen Boarderhose. Gerne wäre ich dir auf dem kleinen Matterhorn in knapp 4000 Meter Höhe noch näher gekommen, aber wegen Orkanböen waren leider die Gondeln und Lifte gesperrt und wir haben es nicht dorthin geschafft. Vielleicht beim nächsten Mal...  Wir waren mit unseren engsten Freunden im Wallis - auch ihnen hast du unglaublich gefehlt. Ein Ski- und Snowboardurlaub ohne Jesse - undenkbar. Fabs hatte sich extra einen Freund mitgenommen, um jemand Adäquaten in seiner Altersklasse zu haben. Es wäre nicht nötig gewesen, wärest du noch bei uns. Uli hat mir erzählt, dass die gesamte Familie im Vorfeld überlegt habe, wer mitkommen könne. Alle Familienmitglieder warfen ein, dass es eigentlich keinen Passenderen als dich für Fabs im Winterurlaub geben könne... So ein liebevoller Gedankengang. Ich kann nur zustimmen. Du bist durch nichts und niemanden zu ersetzen...Du gehörst dazu. Für immer.... 
Ich hoffe, du kannst sehen, wie Luke boarded: du wärest so stolz auf ihn, er macht großartige Sprünge und hat eine irre Grundgeschwindigkeit...

Einfach so weitermachen - ohne dich - ist keine Option. Deshalb habe ich mich in den letzten Wochen der inneren Ruhe und Besinnung ganz bewusst dazu entschieden, die vielen wundersamen und wunderbaren Dinge des Lebens wieder zu suchen und wahrzunehmen, zu fühlen, zu spüren und einzuatmen. Für dich werde ich sie einatmen... und für mich. 

PS: schau 'mal, was ich mit meinen Skiern gemacht habe😕😁😲😂



 Aber keine Sorge, deinem Board geht es (noch) gut😜
 


Frohe Weihnachten, Großer💗



Wir sehen uns im Pink Flamingo!


Samstag, 9. Dezember 2017

Elternsprechtag

Hey Jesse!
Der November hat mich ausgelaugt, hat mir mehr abverlangt, als ich im Vorfeld  befürchtet hatte: Ich wusste, dass zu viele herausfordernde Termine anstanden, und doch hatte ich den irrsinnigen Gedanken (oder war es vielleicht Hoffnung???), dass ich da irgendwie gut durchkommen würde. Vortrag, Tagung und Lesung haben letztendlich auch gut geklappt. Du wärst wahnsinnig stolz auf mich gewesen, mein Großer, das weiß ich. Du hast mich immer ermutigt, beruflich durchzustarten. Aber es hat mich auch viel gekostet ... nicht in monetärer Hinsicht. Erst die kleinen, nervigen, unangenehmen Dinge, die im normalen Leben so passieren, haben wir ganz deutlich vor Augen gehalten, wie fertig ich bin. Denn dabei verspürte ich häufig so eine immense Wut, dass es mir absolut egal war, was mein Umfeld in diesem Moment von mir dachte. Diese Wut richtete sich kürzlich geballt gegen diese absolut scheußlich unmotivierte, mürrische,  sich an unsinnige bürokratische Bestimmungen haltende Dumm-Nuss der Deutschen Bahn. Hi! Gereiztheit ist mein zweiter Vorname. Bei der Bahn-Story wärst du inhaltlich absolut auf meiner Seite gewesen, weil ich genau weiß, wie du dich oftmals über die Bahn und deren Mitarbeiter aufgeregt hast. Du konntest dich da wahnsinnig hineinsteigern und hast dir an unserer Küchentheke ein ums andere Mal empört Luft gemacht. Lauthals gelacht habe ich bei deiner Beschwerde-Email an die DB. Ja: sie war arrogant, triefend vor Ironie, in Absätzen über die Stränge schlagend, unverschämt - und so dermaßen lustig und unterhaltsam! Sehr gelungen für einen 15-Jährigen. Ich muss gerade schmunzeln ... JESSE, du fehlst mir. Deine Ironie fehlt mir. Dir hätte es zwar auch nicht unbedingt gefallen, wie ich mich im DB-Center aufgeführt habe, es wäre dir irgendwie peinlich gewesen und du hättest mich später sanft getadelt, dass ich es auch hätte subtiler, ironischer verpacken können. Aber du wärst andererseits beeindruckt gewesen, weil ich in diesen Momenten so unglaublich selbstsicher und bestimmt bin. Und es war befreiend, weil ich ansonsten erstickt wäre an meiner angestauten Wut und Verzweiflung. Ein Ventil.... Was es nun mit dieser Bahn-Geschichte auf sich hat? Luke spielt darin die Hauptrolle. Er hatte es geschafft, irgendwie seine Stammkarte zu verbummeln, es aber nicht für nötig erachtet, uns davon zu erzählen oder eine neue zu beantragen. Somit ist er immer nur mit dem entsprechenden Monatsticket gefahren - ohne die Stammkarte. Daraufhin hat ihm eine übereifrige Kontrolleurin eine "Nacherhebungsgebühr" aufgebrummt - 60 Euro - obwohl sich Luke als Schüler ausweisen konnte. Von der Gebühr wird Abstand genommen (bis auf einen läppischen Betrag von rund 7 Euro), wenn man innerhalb einer vorgegebenen Frist seine gültige Fahrkarte für den Zeitpunkt der Fahrt nachweist.Wir machten uns also auf den Weg zum Kundencenter am Schwerter Bahnhof, denn: har har, am Iserlohner Bahnhof gibt es noch nicht einmal ein richtiges DB-Kundencenter. Sie dürfen dort zwar Fahrkarten verkaufen, nicht aber solche Nacherhebungssachen behandeln. Einmal hätte es es gewagt, erklärte der wirklich engagierte, freundliche Mitarbeiter, daraufhin habe er von oberster Stelle eine Rüge wegen Kompetenzüberschreitung bekommen mit der Aussage, er wäre zu kundenfreundlich, har har... darüber muss sich die Mitarbeiterin in Schwerte wohl keine Sorgen machen. Luke hatte mittlerweile eine neue Stammkarte, aber, da bereits der 1.Dezember war, nicht mehr die geforderte November-Marke dabei (die die "nette" Zugbegleiterin ja bereits gesehen und deren Daten wahrscheinlich notiert hatte). Jedenfalls bemängelte Mrs. Bahn-Frohnatur nun die fehlende November-Monatsmarke (die Luke blöderweise jetzt nicht mehr hatte, weiß der Himmel wo die mittlerweile abgeblieben war). Also weigerte sie sich -  total regelkonform - die 60 Euro-Gebühr fallen zu lassen. Ich habe ihr anschließend vor Publikum sehr klar, direkt und deutlich zu verstehen gegeben, was ich davon halte...
Vor wenigen Tagen war ich zu Lukes Elternsprechtag an "deiner" Schule. So viel verbinde ich dort mit dir. Ich sehe dich dort überall, sehe, wie du freudig-aufgeregt neben Kai an deinem ersten Schultag im Eingangsbereich stehst, sehe dich neben mir in der Aula sitzen und den Ausführungen zur Q-Phase lauschen, warte auf dich am Hemberg-Parkplatz...Ich bin an deiner Schule an dem Tag, an dem du verunglückst - es ist der Tag der offenen Tür. Jedes Mal, wenn ich an das Märkische Gymnasium komme, überfällt mich eine tiefe Traurigkeit. Schon auf dem Weg zum Elternsprechtag flossen meine Tränen. Allerdings blieb mir kurz darauf kaum noch Zeit, traurig zu sein, weil Luke 'mal wieder die Termine vertauscht hatte und ich hektisch von einem Raum zum nächsten hetzen musste. Dann sah ich Frau S. Du hast sie nie kennengelernt. Du warst bereits tot. Sie ist eine solch liebenswerte Frau, die Ada und Luke sehr einfühlsam durch die erste Trauerzeit begleitet hat. Sie hat normalerweise nichts mit dem MGI zu tun, doch im Rahmen eines Kooperationsprojektes stand sie an diesem Tag im Schul-Foyer... und wieder kamen mir die Tränen. Kurz darauf traf ich deine Lieblingslehrerin, die mir so sehr ans Herz gewachsen ist. Sie fragte mich, ob ich einen Moment Zeit hätte. Wir saßen gemeinsam im Bio-Raum - in deinem Raum! "Dort oben, ganz rechts außen, da hat Jesse immer neben Fynn gesessen..." Unser beider Augen schimmerten verdächtig  bei der Erinnerung an dich. Sie erzählte mir, dass sich alle deine engsten Freunde auch an deinem diesjährigen Todestag am Seilersee versammelt und auf dich angestoßen haben... Zeit mit dir verbracht haben. Ich war so dermaßen ergriffen von dieser Nachricht. Die Jahre zuvor waren wir dabei gewesen, doch in diesem Jahr hätten wir nicht im Entferntesten damit gerechnet, dass sie sich mit Esther dort treffen, schließlich geht jeder mittlerweile seinem Studium oder Praktikum, seiner Ausbildung oder anderen Dingen nach. Du hast solch wertvolle Menschen um dich gehabt, Jesse! Und sie stehen noch immer an deiner Seite. Ich hoffe, dass du es irgendwie sehen/fühlen/spüren kannst, wo immer du auch sein magst. Deine Freunde! All die Menschen, die dich geschätzt und geliebt haben: was für ein Geschenk. Ich bin so ergriffen und erschüttert in einem....
Kais Tat hat mich bis in die Tiefen meines sich zersetzenden, selbst zerfleischenden  Herzens berührt: ihr beiden kennt euch seit dem Kindergarten, habt gemeinsam Hennen und und später die weitere Umgebung erkundet, ward zusammen am Gardasee und seid mit den bikes den Monte Baldo hinunter gefahren, habt euch in Österreich wilde Skirennen geliefert und euch später im Restaurant total lustig daneben benommen, habt euch bei euren Skateboard-Tricks gefilmt - sogar während ihr übel auf die Nase gefallen seid -  und sicherlich so viele dumme, gefährliche, lustige Sachen gemacht, von denen ich besser nichts weiß.
Großartig! Danke...

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Pädagogisch nicht wertvoll...aber wohltuend!

Hi Jesse! 
Im dichten Nebel startete dein heutiger Geburtstag - wabernde Wolkenschichten um mich herum, kreischende Töne, die irgendwann nach außen drangen, Tränenschleier - schlechte Sicht auf dich... bis sich der Himmel klarte und die Sonne hell und gelb und wärmend auf deinen heutigen Geburtstag schien - auf dich! Wo immer dich deine Reise auch hingeführt haben mag...

Du bist in den Gedanken so vieler lieber Menschen: mehrere Nachrichten erreichten mich, so viele Freunde waren heute noch ein bisschen näher bei dir als sonst, um deinen 18. Geburtstag unvergesslich zu machen. Und ich glaube ganz fest daran, dass du es heute hast richtig krachen lassen. Ada - und ich gestehe: wir Erwachsenen ebenso - haben Knallerbsen neben deinem Grab auf den Boden geschmettert (ich hätte auch einen Böller für dich gezündet, aber ich glaube, das hätte zu Nachforschungen geführt 😎). Adas und Lukes Liebe zu dir ist so tief, sie drücken sie nur auf unterschiedliche Weise aus: Luke lieber still und leise - er ist noch im Dunkeln zu deinem Grab gegangen und hat sich einen exquisiten Brudermoment mit dir genommen - Ada zeigt sie bunt und blühend. "Mama, ich kriege doch noch Taschengeld!", erinnerte sie mich nach dem Mittagessen. "Ich erklärte ihr, dass ich ja auch noch Geld von ihr bekommen würde und wir es verrechnen könnten (du kennst sie ja...). "Hm, ich wollte aber eben zum Blumenladen fahren und Jesse eine Blume kaufen", sagte sie nachdenklich. Daraufhin drückte ich ihr etwas Kleingeld in die Hand und ließ sie losziehen. Sie kam mit mehr Blumen zurück, als man eigentlich für 2,50 Euro bekommen kann. "Ich muss heute sehr an Jesse und Vianne denken", erzählte sie leise und fügte hinzu: "Ich wusste gar nicht so richtig, was ich sagen sollte, als mich die Verkäuferin fragte, für wen die Blumen seien. Ich gabe gesagt: für meinen Bruder, der gestorben ist... und dann hat sie mir noch mehr Blumen gegeben", berichtet sie mit einem glücklichen Lächeln auf ihrem Gesicht. 
Sie hat dir auch noch ein Bild gemalt und auf die Rückseite einen Brief geschrieben, den sie dir in das große Windlicht auf deinem Grab gelegt hat. 

"Lieber Jesse, 
ich muss heute sehr an dich denken. Weil dein Geburtstag ist. Ich vermisse dich jeden Tag. Ich hoffe es geht dir gut. Mir geht es auf jeden Fall gut. Ich hoffe jedenfalls, dass du verstehst, dass ich dich lieb habe. Egal wo du das liest, ob du das auf dem Himmelskratzer liest oder im Wasser. Jetzt weißt du jedenfalls, dass ich dich lieb habe. 
Deine Ada"

Micha und ich haben uns heute Nachmittag mit Schoofis "Holundersaft" im Gepäck auf eine "spritzige" Fahrradtour begeben...
Happy Birthday, Großer! Welch VaNdALisMus... Wir sehen uns im "Pink Flamingo"!

PS: Heute waren viele tolle Leute bei dir ... Danke Fynn, Danke an euch alle!

Sonntag, 17. September 2017

Flaschenpost für dich

Die vergangenen Wochen haben mich die Bilder deiner letzten Lebenstage überfallen, weil mein Herz wusste, welcher Tag bald anstehen würde. Egal wo, egal wann: die Bilder füllten meinen Kopf, ob beim Einkaufen, während Klassenpflegschaftssitzungen, auf Autofahrten...  ich sehe dich stürzen, ich sehe dich sterben, obwohl ich keine der beiden Momente wirklich erlebt habe. Es sind aber auch reale Bilder und Empfindungen aus der Zeit zwischen dem 11. und 17. September 2015, die wie  Kometen mit voller Wucht auf mir einschlagen und tiefe Krater hinterlassen. Nach ihrem Aufprall ist mein Himmel so eingetrübt, dass  all die schönen Erinnerungen an dich nicht mehr durchscheinen können. Die dicke Staubwolke trägt die Polizisten mit sich, die gegen Mitternacht im September 2015 anklingeln, das Krankenhaus in Hamm, die Intensivstation, dieses schäbige Zimmer im Schwesternwohnheim, in dem wir geschlafen haben, den absolut bekloppten Seelsorger, der meinte, uns mit seinen Scheiß-Plattitüden zuschwafeln zu müssen und dem ich seine Scheiß-Phrasen am liebsten in seinen dämlichen Schlund gestopft hätte. Und die Wolke trägt dich. Ich sehe dich dort liegen, beatmet, mit Schwellungen im Gesicht, Aufschürfungen. Du fieberst. Dein Oberkörper ist hoch gelagert. Deine schweren Schädelverletzungen und deine sich ausbreitende Lungenentzündung ist nach außen hin kaum sichtbar. Es ist nach 20 Uhr. Gerade jetzt versuchen dich die Ärzte wiederzubeleben - eine Stunde lang. Du stirbst gleich. Ohne mich. Ich stehe draußen vor dieser verdammten Tür zur Intensivstation und sie lassen mich nicht ein, geben immer nur kurze Infos raus. Dieses linoleumschäbige Wartezimmer wird zum Käfig. Ich durfte nicht bei dir sein, als du gestorben bist - heute schreie ich vor Wut darüber. Ich hätte bei dir sein müssen, wie bei Vianne. Es ist brutal. Es ist unmenschlich. Dieser letzte Moment hätte uns gehören müssen.... Es macht mir so zu schaffen... Ich war nicht an deiner Seite...Ich war nicht da!
Es ist der 17.09.2017, genau 21 Uhr, während ich dir schreibe. Ich habe noch 9 Minuten mit dir, bevor ich in das dritte Jahr ohne dich gehe. Der Druck der vergangenen Wochen löst sich gerade etwas. Luke, Micha, Ada und ich haben heute bis zum Mittag ausgeschlafen und abgehangen. Micha und ich sind erst um 5 Uhr heute Morgen von einer Party nach Hause gekommen. Sehr gut! Ich will heute auch gar nicht fit und aktiv sein. Wir hatten uns im Vorfeld zum 3-D-Minigolf angemeldet, weil keiner von uns Lust hatte, sich heute ein blödes Stück Torte in Gedenken an dich hineinzuwürgen oder mit Trauermiene zum Friedhof zu stapfen. Deshalb haben wir im Neonlicht den Golfball eingelocht und hinterher chillig auf dem Fatboy gegenseitig mit leckeren Limonadenflaschen  angestoßen (eine ist natürlich halb auf dem Sitzsack ausgelaufen - du siehst, es ist "fast" wie immer). Die Geschacksrichtung "Melon" haben wir entführt und mit an die Ruhr genommen - und sie kurzerhand zur Flaschenpost umfunktioniert. Wir vier haben dir alle ein paar persönliche Worte auf ein Blatt geschrieben, das wir zum Glück noch nebst Kugelschreiber im Auto gefunden haben. Keiner durfte die Worte des anderen lesen. Sie sind nur für dich bestimmt, Jesse. Es war eine spontane Aktion. Das Blatt passte perfekt in die Flasche. Ada hat zum Schluss noch eine Blüte in die Flasche gegeben, ich etwas Birkenrinde (ich kann dir gar nicht sagen warum). Dann haben wir die Öffnung mit einem Ast verschlossen, den wir kurz zuvor gefunden hatten. Der Ast passte haargenau in die Flaschenöffnung - echt unglaublich. Wir haben die Flaschenpost noch kurz gemeinsam gehalten, bevor Luke sie in hohem Bogen in die Ruhr geschleudert hat. Lange haben wir ihr hinterhergeschaut. Viel Spaß beim Lesen, Großer!


Du fehlst jede Sekunde... uns allen!

Montag, 11. September 2017

Fortsetzung: Ähnlichkeit

Mit Erschrecken stelle ich fest, dass der letzte Post beinahe drei Monate zurückliegt und ich noch immer keine Fortsetzung geschrieben habe... 
29.11.2015: Es ist der 1. Advent - unsere erste Vorweihnachtszeit ohne dich - und ohne Vianne. Nach Viannes Tod schoss mir kurz der traurige Gedanke durch den Kopf, dass unser Familienadventskalender ohne sie nicht funktioniert, dass sich die 24 Tage bis Weihnachten nicht durch 5 Personen teilen lassen... Wie pervers... nur wenige Wochen später ließ sich der Familienkalender wieder teilen... durch uns 4. Wir füllen ihn aber nach wir vor jedes Jahr für sechs Familienmitglieder, denn ihr seid noch immer ganz nah bei uns. Ada stellt dir jedes Jahr deinen heißgeliebt-hässlichen, grünen, aufblasbaren Plastikweihnachtsbaum ins Zimmer und diese Geste rührt mich immer zutiefst. 
17.01.2016: Alles, was zum ersten Mal ohne dich geschieht, ist unglaublich schwer. Wir machen uns mit Ada und Luke auf nach Altastenberg zum Ski- und Snowboardfahren. Es ist schrecklich, dass du nicht an Lukes Seite boardest und ihm keine Sprünge und Tricks mehr beibringen kann. Du wärest stolz auf ihn gewesen. Es ist schrecklich in die Nähe des Ortes zu fahren, wo du verunglückt bist. Aber es ist auch gut und heilsam, weil wir dir beim Snowboardfahren nah sein können. 
24.01.2016: Der Schmerz ist ein allgegenwärtiger Begleiter, so stark, so präsent in den letzten Wochen. Luke möchte nachts bei uns schlafen - Adas Nähe reicht ihm nicht mehr. Er hat wiederkehrende Alpträume - er sieht, wie du stürzt... vom Balkon. Immer und immer wieder. "Ich vermisse ihn!", sagt er uns mit Tränen in den Augen. Ja, er vermisst dich schrecklich. Luke erzählt uns, wieviel 'Mist' ihr zusammen gemacht habt, und muss dabei schon wieder schmunzeln. "Wenn mir langweilig war, bin ich immer zu Jesse gegangen...", erinnert er sich. An diesem Tag stehe ich an einer Weggabelung: Welches Leben werde ich wählen? Das Leben, in dem ich funktioniere - oder das Leben, in dem ich lebe?
17.03.2016: Ich war heute am MGI (Märkisches Gymnasium Iserlohn), an deinem Gymnasium, das auch dein Bruder besucht. Es ist so befremdlich und du bist so allgegenwärtig, obwohl es bei diesem Termin um Luke geht. Es ist alles so verwoben. Ich sehe dich auf dem Schulhof... ich stehe deiner Bio-LK-Lehrerin gegenüber, die zugleich Lukes Klassenlehrerin ist. Vor gut einem halben Jahr war ich zu deiner Stufenpflegschaftssitzung hier...
Juni 2016: Luke hat nur einen Wunsch: "Ich möchte Jesse nur noch ein einziges Mal richtig sehen dürfen." Ich kann deinem Bruder diesen Wunsch nicht erfüllen. Lukes Schmerz ist mein Schmerz. 
Sommer 2016: Im ersten Halbjahr 2016 spricht Luke uns zögerlich darauf an, ob er in dein Zimmer ziehen dürfe. Ich finde es gut, dass er fragt, fühle mich andererseits in diesem Moment wie von einer dicken Watteschicht umhüllt, durch die nur dumpf die Worte dringen. Wir fragen ihn in den kommenden Wochen wiederholt, ob er das wirklich wolle, hinterfragen, ob es ihm wirklich gut tun würde. Aber er bleibt beharrlich und zeigt uns, dass es ihm sehr wichtig ist. "Ich fühle mich Jesse dort nah", erklärt er mit einer Reife in der Stimme, die mich schier sprachlos macht. Er hat so recht. Ich möchte aus deinem Zimmer keinen Schrein machen. Es muss wieder mit Leben gefüllt werden und ich bin mir sicher, dass du dir dort niemand anderen als Luke vorstellen kannst. Andererseits habe ich so eine Angst vor dem Schmerz, der mich überrollen wird, wenn wir deine Sachen zusammenpacken - dein Leben einpacken. Wir bitten Luke noch um etwas Zeit, bevor wir den Zimmertausch (und die Renovierungsarbeiten) angehen, weil ich noch nicht so weit bin. Er ist so verständnisvoll und geduldig. Ich bin ihm absolut dankbar, dass er letztendlich den Anstoß gegeben hat. Im Sommer 2016 haben wir es geschafft, dein Zimmer auszuräumen, deine persönlichen Dinge, deine Kleider zusammenzupacken. Es war ein intimer Moment, es war ein zerreißender Moment. 15 Jahre Leben auf Kartons verteilt - liebevolle, schmerzhafte Erinnerungsstücke. Wir sehen dich nach wie vor in deinem Zimmer, aber das Zimmer hat ebenso eine besondere Luke-Note erhalten. Er ist dir so ähnlich, dein Bruder, und doch so wohltuend einzigartig. Er schläft seitdem übrigens wieder sehr gut. Es war die richtige Entscheidung.

Mittwoch, 28. Juni 2017

Ähnlichkeit

Luke ist mittlerweile 13 Jahre alt - und er wird dir immer ähnlicher - es ist schön und schmerzhaft in einem. Natürlich ist er eine ganz eigene Persönlichkeit und das ist gut so. Er soll das "Luketypische" nie verlieren. Schon immer habe ich die Vielfalt von euch Vieren geliebt. Ihr ward euch auf eine Art alle ähnlich - und doch so unterschiedlich. Es war richtig spannend. Es sind Kleinigkeiten, angefangen von seiner Figur bis hin zu einigen Interessen, die mich an dich erinnern: er ist sehr viel gewachsen im letzten Jahr, wahnsinnig in die Höhe geschossen...wie du - damals. Allein die Form seiner Beine und die stinkigen, abgelaufenen Turnschuhe lassen Erinnerungen aufleben. Er ist offener als du, erzählt etwas mehr. Vielleicht war damals unter Viannes Erkrankung einfach nicht der Raum für dich da, ausführlicher erzählen zu können??? Nein, du warst schon immer etwas verschlossener und hast viel mit dir selbst ausgemacht. Ihr beide habt eine Affinität zum Unterrichtsfach Deutsch - es fällt Luke ebenso leicht wie dir, obwohl du Worte noch etwas treffender einzusetzen wusstest als dein Bruder. Irgendwann hat er dich ein, wird auch 15 Jahre alt sein - in zwei Jahren wäret ihr dann wie Zwillinge, denn es gibt keine Bilder von dir in meinem Kopf über dein 16. Lebensjahr hinaus. Es ist so verstörend. Deine Freunde und Weggefährten werden natürlich hingegen älter, sind mittlerweile volljährig (oder kurz davor), fahren Auto, haben ihr Abi in der Tasche, sind zu jungen Erwachsenen gereift - es ist so verwirrend und so schwer, die Bilder übereinander zu bekommen. Noch immer denke ich manchmal, du würdest gleich durch das Gartentor treten oder mich anrufen und beiläufig fragen, wann ich denn nach Hause kommen würde, weil du 'mal wieder deinen Haustürschlüssel vergessen/verlegt/verloren hast und auch den Ersatzschlüssel von Steffi (den du dir bereits den Tag zuvor besorgen musstest) in deinem Zimmer liegengelassen hast, anstatt ihn zurückzubringen. Du wirst keinen Tag älter werden, keine neuen Bilder, nur in meiner Phantasie. Manchmal male ich mir aus, wie du jetzt - mit 17 - aussehen würdest, wie du dich benehmen würdest...
Ich möchte viel öfter von dir erzählen, so dass ich manchmal gar nicht mehr weiß, wo ich anfangen soll. Ich führe ein kleines Notizheft mit mir. Dort sammele ich alle Gedanken über dich. Manchmal reicht ein klitzekleiner Auslöser und die Bilder strömen auf mich ein. Ich sammle in dem Heft Gespräche von Ada und Luke über dich... Gerade ist mir aufgefallen, wie viele Details aus dem Jahre 2015 und 2016 dort aufgeschrieben stehen - und wie wenig ich davon erzählt habe. Ich dachte wirklich, ich hätte es schon in deinem Blog erzählt. Fehlannahme!
Sonntag, 4. Oktober 2015 - am Strand in der Nähe von Nizza: du bist erst vor wenigen Wochen gestorben, Vianne vor etwas mehr als zwei Monaten. Ada und Luke streiten sich inmitten von Sand und Muscheln, Meer und Wellen unter einem strahlend-blauen Himmel - es ist so surreal: die Meeresbrise, leuchtende Farben um uns und tiefstes Schwarz in mir. Ich trage trotzig ein knallrotes Kleid - eine Hommage an das Leben  - und frage mich, wie sich die beiden bloß so streiten können, wo sie sich doch nur noch haben. Vianne und Jesse sind fort. Ich knalle ihnen mein Unverständnis über ihre Streitigkeiten direkt vor den Kopf: "Ihr habt nur noch euch beide - warum könnt ihr nicht nett miteinander umgehen??", frage ich sie mit einem bitteren Unterton in meiner Stimme. Bis Luke diesen einen Satz sagt. Ganz leise: "Ich suche Jesses Zurechtweisung. Er hat mich immer zurechtgewiesen, wenn ich Ada geärgert habe. MIR FEHLT JESSES ZURECHTWEISUNG!" Eine ganz eindeutige, klar formulierte Aussage. Er hat so recht! Ich nehme beide in die Arme und wir legen aus Muscheln gemeinsam deinen und Viannes Namen in den Sand....



 


31.Oktober 2015 - zuhause: dein Zimmer ist so, wie du es verlassen hast, bevor du auf die Tennisfahrt gegangen bist. Nein, nicht ganz. Deine gepackte Reisetasche steht im Raum. Das Krankenhaus hat sie uns mitgegeben. Darin die Sachen, die du nach Winterberg mitgenommen hast. Du hast sie nicht mehr getragen. Du bist gestürzt, bevor du dort übernachten konntest... Ich krame in deiner Tasche auf der Suche nach dir... Neben deinem Bett liegt ein weißes T-Shirt, dass du in deiner letzten Nacht zuhause getragen hast. Ich presse es mir auf die Nase, sauge deinen Geruch ein, unfähig, es wieder zur Seite zu legen. Ich schaue in eine Schublade und finde dein altes Freundebuch aus der Grundschule. Anschließend liege ich bäuchlings in deinem Zimmer auf dem Boden, auf dem Boden, den du dir für dein Zimmmer ausgesucht hast. Ich liege dort schreiend, weinend...lange...
01. November 2015 - draußen.: dank Rafaels guter Beschreibung habe ich heute beim Laufen endlich die Natursteinmauer, eine kleine Mauerruine umwachsen von Grün, im lichter werdenden Wald gefunden - ein magischer, ein mystischer Ort. Endlich kann ich mit eigenen Augen sehen, was du gesprayt hast: Winnie Puh, Patrick und ein kleines Monster schauen mich an. Du schaust mich an. Du bist mir hier so nah. Ich verweile lange bei dir.


17. November 2015 - zuhause: Luke möchte am Fußballtraining teilnehmen. Seine Entscheidung kommt für uns aus heiterem Himmel. Er hat sich noch nie für Fußball interessiert. Aber jetzt auf einmal. Auch du hast Fußball gespielt. Rate mal, wer Lukes Mannschaft trainiert? Dein ehemaliger Trainer und dein Schulkollege, mit dem du früher gemeinsam in einer Mannschaft gespielt hast. Was für ein seltsamer Zufall. Mir wird übel vor Schmerz, aber ich möchte Luke nicht bremsen. Du hast ungefähr in Lukes Alter mit dem Fußballtraining aufgehört. Also müssten Luke deine Sachen passen. Ich versuche, ganz pragmatisch zu denken. Du hättest nichts dagegen, dass Luke deine Sachen trägt. Ich glaube sogar, du könntest dir keinen Besseren darin vorstellen. Ich frage ihn, ob er mit mir gemeinsam schauen möchte, ob etwas Passendes für ihn dabei sei. Er möchte. Ich weise ihn mehrmals darauf hin, dass wir auch neue Sachen kaufen können. Aber er möchte unbedingt in deinen Sachen nachschauen. Wir gehen in dein Zimmer, räumen deine alte Fußballtasche aus. Alles passt ihm: die Fußballschuhe, die Trainingsjacke, die Fußballhose. Er trägt deine Sachen ganz ohne Berührungsängste. In seiner neuen Mannschaft wird Luke Torwart... wie du damals.  Ich habe Angst, dass er versucht, dich zu ersetzen oder zu kopieren. Abends nehme ich ihn beiseite und sage ihm eindringlich, dass er auf alle Fälle Luke bleiben soll, dass er dich nicht ersetzen muss, dass er genau richtig ist wie er ist - nämlich Luke -  wichtig und wertvoll für uns. Er antwortet, dass wir uns keine Sorgen machen sollen.. Wenige Tage später hole ich mir Rat bei einer Psychologin, die mich zum Glück beruhigen kann. 
Fortsetzung folgt!

Freitag, 26. Mai 2017

Miteinander

Im April und Mai standen nach deinem Fest noch so viele mir persönlich wichtige Dinge an - die Geburtstage von Ada und Luke, unser Osterurlaub, die Lesung, die PSAPOH-Tagung, so dass ich keine Zeit (und auch innere Balance) gefunden habe, von deinem Fest zu erzählen. Und kurz danach war ich einfach zu kraftlos. Neben der Aufregung, die ich immer im Vorfeld als "Organisator" von persönlichen Festen empfinde kam bei deinem Fest noch die tiefe emotionale Ebene dazu. Würde dein Fest so werden, wie du es dir gewünscht hättest? Würden alle dir wichtigen Menschen kommen können? Würde das Wetter mitspielen oder würde uns ein sumpfig-grauer, verregneter Tag erwarten? Würde, hätte, scheiße... Freunde und Familie packten bereits am Vortag kräftig mit an, um den Feierraum herzurichten: Gesprayte Bilder, deine Lieblingsposter, Spruchbänder mit Zitaten von dir, die Snowboars und deine Skatedecks  spiegelten dich so dermaßen wider... Am Samstagmorgen lief ich auf Hochtouren, die Spannung wuchs von Stune zu Stunde, bei uns allen, auch bei deinen Geschwistern. Wir alle waren so dankbar, als Uli und Kilian und die Kinder schließlich hier mittags ankamen und uns die nötig ersehnte innere Ruhe brachten - aus Anspannung wurde wieder Leichtigkeit, aus Zweifeln Bestätigung. Gemeinsam bauten wir noch schnell den Pavillon am Ufer der Ruhr auf. Wie immer ging es herrlich chaotisch zu: die Kinder alberten am Wasser herum und etliche Male konnten sie sich gerade eben noch retten, bevor sie ins Wasser geplumpst wären. Wir fachsimpelten über den Zeltaufbau, denn irgendwie schienen wichtige Verbindungsteile zu fehlen. Doch letztendlich stand das Zelt. Auch das Wetter schien unsere Aufbruchstimmung zu spüren und bedankte sich mit sonnigen Abschnitten. Die Zeit schien zu rasen. Wir genossen nach den Aufbauarbeiten schnell ein kühles Bier und fanden noch gerade eben Zeit, uns frisch zu machen und uns umzuziehen. 
Ich stand draußen vor der alten Kornbrennerei vor dem Feierraum: dann kamen alle: deine Freunde, die mich so herzlich umarmten, deine Lehrer, deine Stufenkollegen, unsere Familie, unsere Familienfreunde, deine Tennisleute, ein paar vom Kolping, Weggefährten, Vertraute.... Wie viele phantastische Menschen du gekannt hast, was für einen authentischen Freundeskreis du gehabt hast. Viele haben mich im Nachhinein angesprochen, wie viele sympathische, unverfälschte großartige junge Menschen du um dich gehabt hast. Es war so ein offenes Miteinander zwischen Jung und Alt, Schülern und Lehrern, Eltern und Kindern. Auf dem Weg zur Ruhr, wo wir dank Noah, Astrid und Luca riesige Wasserbälle, in die man einsteigen und wie in einem Hamsterrad auf dem Wasser laufen konnte, bereitgestellt hatten, hopste die kleine Mathilde vergnügt an meiner Hand im Hopserlauf den Berg hinunter - welch zauberhafte Leichtigkeit...
Du hast einen Stern geschenkt bekommen; Jesse: "Pink Flamingo" - wie passend. Irgendwann werde ich hier die Geschichte, die sich hinter diesem Namen verbirgt, erzählen. Mensch Jesse, was für ein passendes Geschenk. Man kann deinen Stern sogar mit bloßem Auge erkennen. Wenn der richtige Moment gekommen ist, werde ich mich mit meinen "Liebesperlen" irgendwo ins Gras/an den Strand/ oder wo auch sonst wo hinlegen und im Dunklen mit ihnen gen Himmel schauen. Ich war so gerührt von ihrem Geschenk. Und nicht nur davon. Auch an Andis liebevoll vorbereiteten Erinnerungsbaum hängen so viele "Momente" mit dir... So viele Menschen haben ihn geschmücket und mit persönlichen Erinnerungen an dich zum Blühen gebracht. Über die Baustellenleuchte musste ich ausgelassen lachen. Wo und wann habt ihr die denn "mitgenommen"? - Das würde mich wirklich brennend interessieren. Was hat es mit dem schwarzen Gummihandschuh auf sich? War das der, den du dir mal über den Kopf gezogen hast, um wie Spock auszuschauen? Mathilde hat dir übrigens einen tollen Glitzerstein an den Baum gehängt. Wenn ich ihn betrachte, kommen mir jedoch vor lauter Sehnsucht die Tränen - es ist also ein skurriler Mix aus Lachen und Weinen. Es gibt so viele Situationen, in denen ich dich wahnsinnig brauche und vermisse, meistens auf den langen Autofahrten kreisen meine Gedanken um dich und lassen Erinnerungen und verpasste Zukunftsszenarien aufleben. Allein das Wissen um den baldigen Abiball - ohne dich - bewirkt, dass mir kurz die Luft wegbleibt. 
Aber auf deinem Erinnerungsfest warst du dermaßen lebendig. Alle die dort waren, und es waren wirklich viele, vom Zweijährigen bis 70+, haben dich aufleben lassen - mit Geschichten, kleinen Anekdoten, Fotos, Erinnerungsstücken, Musik, Sprüchen, manchmal schweigend einträchtig nebeneinander stehend... Tao hat für dich gesungen - wenn es nach mir gegangen wäre hätte sie nie wieder aufhören sollen. Niklas hat auf der Gitarre lässig-locker gespielt - du hättest grinsend daneben gestanden. Leon hat Fotos von dir zusammengestellt und uns neue Einblicke in die Zeit inmitten deiner Freunde gegeben - echt witzige Bilder 😂. Jemand meinte nach dem Fest zu mir, er habe so viele wertvolle Gespräche über dich mit so vielen tollen, symphatischen Leuten führen können. Besonders schön fand ich, dass der kleine, fußballbegeisterte Milo fragte, ob du früher auch so gerne Fußball gespielt hättest.So viele deiner Freunde haben den Weg zu deiner Party gefunden. Sie haben uns alle begeistert mit ihrer erfrischenden, liebenswerten Art. Sie waren so sehr mit dem Herzen dabei, ergriffen, traurig, vereint mit dieser eurem Alter eigenen Leichtig- und Lebendigkeit. Du hast bis zu deinem Tod so großartige junge Leute um dich gehabt, Jesse. Was für ein Gewinn. Was hättet ihr noch alles gemeinsam erleben können? Eine Zukunft ohne dich wartet auf uns alle... Ich trauere um das, was war, um das was hätte sein können. Ich sitze gerade im Sonnenschein, während ich schreibe und kann nicht aufhören zu weinen. Du bist es so sehr wert, Tränen zu vergießen. Faszinierend ist, dass ich auch nach eindreiviertel Jahren der Traurigkeit noch so viele Tränen übrig habe - ein endloser See aus Liebe. Nach dem Fest war ich so euphorisch, auch noch bei den Aufräumarbeiten - und dann kam diese tiefe Erschöpfung, die Sehnsucht, die Wut, die Hoffnungslosigkeit. Was haben wir da nur für ein Fest ausgerichtet? Wieso konnte ich mich so darauf freuen? Wie skurril? Ich will kein Erinnerungsfest! Ich will mit dir in diesem Jahr deinen 18. Geburtstag feiern, verdammt! Ich will Zeit mit dir erleben und mich nicht nur an die Zeit mit dir erinnern dürfen. Aber es ist, wie es ist und ich kann die Geschehnisse nicht ändern. Und deshalb bin ich andererseits so unglaublich froh und glücklich und erleichtert, dir, mir, uns und all den liebenswerten Menschen um dich/um uns herum solch ein Erinnerungsfest angeboten zu haben. Ich wünsche dir noch großartig, verrückte, halblegale Partys, mein Großer. Lass es krachen, so wie bei dem Feuerwerk, dass die Funkes für dich mitgebracht hatten...